Um ihre Freundinnen zu erschrecken bzw. zu beeindrucken, hat die kleine Rita die Schrotflinte ihres Vaters geholt. "Ist eh nicht geladen", meint sie und drückt ab. Die Kinder zucken zusammen, als der Schuß aufpeitscht und sich die Kugel irgendwo ins Unterholz des Waldes bohrt. In den Büschen vor ihnen bewegt sich plötzlich etwas, kommt näher, ein Vogel fliegt aufgescheucht davon. "Schieß", sagt eine, die anderen fallen ermunternd ein. "Schieß!" Rita schießt, und aus den Büschen stolpert ein kreischender Mann mit zerfetztem Gesicht.
Etwa zwanzig Jahre später. Die fünf ehemals besten Freundinnen treffen sich wieder, verbringen das Wochenende miteinander auf einer abgelegenen, idyllischen, von Wald umgebenen Jagdhütte, tauschen Neuigkeiten aus und schwelgen in Erinnerungen. Charly (Silke Bodenbender) lebt in Deutschland und ist seit kurzem mit Max (Christopher Schärf) liiert, Ingrid (Nora von Waldstätten) hat in der Firma von Ritas Vater Karriere gemacht, Sonja (Franziska Weisz) ist verheiratet und Mutter eines schwerstkranken Kindes, Manu (Edita Malovcic) war auf Selbstfindung in Indien, und Rita (Nicolette Krebitz) scheint mit so ziemlich allen Männern in der Gegend geschlafen zu haben. Die von Beginn weg angespannte Stimmung schaukelt sich zu blankem Haß auf, nicht zuletzt aufgrund von Ritas garstigem Verhalten. Und dann, in der sturmgepeitschten Gewitternacht, liegt eine von ihnen plötzlich tot im Badezimmer. Erschossen.
Der größte Pluspunkt dieses nicht wirklich originellen Krimidramas ist die grandiose Besetzung. Jede einzelne der fünf Schauspielerinnen - Silke Bodenbender (Long Division, Die Schatzinsel), Nora von Waldstätten (The Countess, Oktober November), Franziska Weisz (Hotel, Der Räuber), Edita Malovcic (Der Knochenmann, Blutgletscher) sowie Nicolette Krebitz (Tempo, Lollipop Monster) - agiert so natürlich, so selbstverständlich und so glaubhaft, daß man ihnen die dargestellte Figur ohne wenn und aber abkauft. Als Zuschauer fühlt man unweigerlich mit ihnen mit, mag die eine, haßt die andere, hat Mitleid mit der einen, hat Verständnis für die andere. Einfach großartig, wie die talentierten Aktricen diese höchst unterschiedlichen Menschen zum Leben erwecken. Für das Funktionieren der Geschichte ist das auch Voraussetzung. Der Film steht und fällt mit seinen Figuren. Und Blutsschwestern fällt nicht. Wankt nicht einmal. Des Zuschauers emotionale Bindung zu den fünf Frauen ist so stark, daß einem ihr Schicksal nahe geht. Und obwohl man ihre Handlungen versteht, ist man phasenweise regelrecht erschüttert.
Im Prinzip ist Blutsschwestern ein klassisches Whodunit-Stück. Eine überschaubare Anzahl von Menschen in einem abgegrenzten Raum, eine vertuschte, vor vielen Jahren begangene Bluttat, ein unerklärlicher Mord, viele Verdächtige mit offensichtlichen Motiven. Regisseur Thomas Roth und Drehbuchautorin Agnes Pluch nehmen sich viel Zeit für ihre Geschichte (das Drehbuch basiert auf Nora Miedlers Romans Warten auf Poirot), bauen sie sehr langsam und sorgfältig auf, spielen geschickt mit den Zuschauererwartungen und halten wichtige Informationen lange zurück, um sie zum richtigen Zeitpunkt auf den Tisch zu legen. Eine schaurige Düsternis zieht sich dabei durchs Geschehen. Man spürt, daß viele noch mit der Vergangenheit zu kämpfen haben, daß sie vielleicht nie mit ihr abschließen können. Die eine kann halt besser damit umgehen als die andere. Visualisiert werden die "Gespenster" der Vergangenheit oft durch ins aktuelle Geschehen gewobene Rückblenden; da huschen dann plötzlich die jungen Ausgaben der Figuren durchs Bild. Aufgrund der Abgegrenztheit vom Rest der Welt entsteht eine unangenehm klaustrophobische Stimmung. Obwohl das Dorf nicht so weit weg ist, ist man irgendwie doch gefangen in dieser kleinen Hölle.
Gedreht wurde dieser äußerst gelungene Psychothriller im Mai und im Juni 2013 in der grünen Steiermark, was für einige schöne Momente von stimmungsvollem Lokalkolorit sorgt. Ohne zuviel zu verraten, möchte ich noch die brillant konstruierte Auflösung dieses dichten, intensiven und beklemmenden Kammerspiels erwähnen. Diese geht nämlich ob ihrer ganzen Tragik nicht nur gewaltig an die Nieren, sie ist auch problemlos nachvollziehbar. Und unwillkürlich fragt man sich fröstelnd, wie man wohl selbst gehandelt hätte, wäre man anstelle des/der Betroffenen gewesen.