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Lässt einen die wunderbar brachiale Eröffnungssequenz noch auf einen edlen Schocker der Spitzenklasse hoffen, entpuppt sich das Ganze schnell als reine Trash-Odyssee, durchzogen von stimmigen verbalen Eskapaden (auch "South Park", "Ex Drummer"), Gewaltexzessen, Gore und allerlei Geschmacklosigkeiten. Anspruchsvolle Schocker sind schon seit jeher Mangelware.

Während moderne Ekelschocker wie "Hostel" oder "Saw" nicht nur abgrundtief grausam und brutal sein wollten, sondern gerade im Fall von "Jigsaw" mitunter sogar philosophische Ansätze enthielten oder versuchten ihr Folterszenario zumindest in so etwas wie eine abendfüllende Geschichte einzubetten, gipfelt der dritte Teil des Tausendfüßlers zu einem ungehobelten, an Belanglosig- und Schwachsinnigkeit kaum noch zu übertreffenden Gipfel der Schamlosig- und Geschmacklosigkeit. Symbiose als moderne Massenvernichtung. Auch von Gehirnzellen ...

Da wo uns die "Pulp Fiction" noch über Schundliteratur aufklärte und der filmischen Exploitation so ein Denkmal für die Ewigkeit setzte, reiht sich der menschliche Tausendfüßler in die Chronik besonders extremer, abartiger und kranker Independent-Produktionen wie "Headless" oder "Hanger" ein, vom IQ so anspruchsvoll wie ein "Bride of Frank" oder "Bad Boy Buddy", dabei nicht weniger verstörend und zumindest auf der Ebene anspruchsvoll. Anderes Parameter, gleiches Prinzip ...

Herrlich grotesk oder einfach nur stupide? Lässt der Kunstbegriff eine derartige Schamlosigkeit überhaupt noch zu oder impliziert er eben solche? Im avantgardistischen Verständnis lautet die Antwort sicher: JA.

"Feed" lässt grüßen ...

Das Ironische ist, dass sich der "Humanoide Myriapode" dabei stets hinterfragt. "Human Centipede" war damals schon kein Wunderwerk der modernen Anästhesie oder Anatomie, in den Augen einiger Trashliebhaber wohl aber Kultfilm der neueren Generation. Zweifelsohne orginell, dabei jedoch völlig unglaubwürdig, vielleicht auch einbisschen zu pervers oder halt einfach der falsche Ansatz?

"Tausendfüßler 3" lebt zunächst vom theatralisch-stupiden Spiel seines offensichtlich sardistisch veranlagten Protagonisten, sowie der flächendeckenden Ironie und parodiert sich im Kern schlussendlich selbst.

Damit schafft er es immerhin, den um "A Serbian Film" entstandenen Hype, in Sachen Abartigkeit und Sickness neue Maßstäbe zu setzen, nur der lieben Sensationsgier willen, stellenweise zu durchbrechen. Auch, und insbesondere Exploitation diente ja ursprünglich der Grenzüberschreitung. Exploitation ist Trash, aber Trash nicht  zwangsläufig Exploitation.

Was bei asiatischen Kultschockern wie "All Night Long", "The Untold Story" oder "Guinea Pig", später "Tokyo Gore Police", noch ganz gut funktioniert hat, wirkt bei derartigen Ergüssen aus dem Hause Troma wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ...

Was bleibt ist ein stümperhaft inszeniertes B-Trashfilmchen, dass provokant, krank und pervers sein will, nicht jedoch ohne das entsprechende Knowhow aufwarten kann. Ittenbach und Schnaas hätten womöglich noch Freude dran gefunden.

Der enorm große Output im B-Movie-Direct-to-Bluray-DVD-Bereich, zuletzt "American Guinea Pig", der sich eher an "Saw" und amerikanischen Blockbustern oder entsprechenden Möchtegern-Avantgarde-Schockern orientierte, denn dem großen japanischen Bruder, sollte schließlich auch grenzdebilen Pseudo-Schinken wie diesem zum Verhängnis werden.

Billig produzierter, gewollt unfreiwillig komischer Trash wie "Attack of the Killer Donuts" oder "Sharknado" überhäuft den Markt. Und auch die moderne Exploitation verkommt allmählich zu einer Art Massenproduktion für den vermeintlichen Popcorn-Freund. Wäre "Human Centipede 3" in seiner Gewaltverherrlichung nicht ganz so drastisch oder dramatisch ausgefallen, hätte womöglich auch die SCHLEFAZ nicht halt vor dem Gore-Klamauk gemacht.

"Human Centipede 3" wirkt als Trashproduktion ästhetisch, wenn auch stellenweise etwas aufgesetzt. Man merkt, das die Macher verstanden haben worum es geht. Spaß- und Ekelfaktor halten sich gerade noch die Waage.

Organischer, auf die Spitze getriebener, parasitärer Alien-Trash wie "Bad Biology" oder "Basket Case", mit Abstrichen "Centipede Horror", "Goké", "Bug" oder "Squirm", in abgespeckter Variante "Worm Eaters", gesellt sich damit auch und insbesondere zu einer ganzen Reihe Melt-Movies wie "Street Trash", "Stuff", "The Hand", "Der Blob" oder "The Crawlers", neueren Datums "The Substance" oder "Pieles".

Was zu Zeiten von "Bad Taste" noch zu einer aufkeimenden, vor Innovation mitunter nur so strotzenden Nachwuchsbewegung von Filmschaffenden avancierte (Raimi, Jackson, Romero ...), verkommt im neuen Millenium allmählich zu einer Art Massenhysterie ohne Hirn und Verstand. Cronenberg ("Naked Lunch") dürfte wohl eher mit dem Kopf schütteln.

Auch "Centipede 3" heimst entsprechend seiner Herkunft keine Lorbeeren ein, verkommt zu einer Art "Schund", wenn auch als solcher trag-, aber schwer verdaubar. Drugsploitation für Fortgeschrittene. Was die Corona-Pandemie und der entsprechende Impfstoff unter entsprechenden Verschwörungstheoretikern bereits vorwegnahm, mutiert in "Human Centipede" wie ein "Resident Evil" oder "Evil Dead" zu einer neuen Generation Heroin- oder Ketamin-Untoter, um so der Modeerscheinung veterinärer Betäubungsmittel Herr zu werden, mit einem blutigen Augenzwinkern und der jüngsten, ohnehin abgehärteten Youtube-Generation mit eben jenen Bandagen entsprechend Tribut zu zollen.

"Human Centipede III" fungiert als "Natural Born Killers"-Parodie, funktioniert als solche tatsächlich stellenweise noch ganz gut, schafft es auf dem Weg trotz der teils belanglosen, auch aufgesetzt-exploitation ähnlich, provokant trashigen Machart, um seinen geistig verwirrten Gefängnisdirektor, sowie seines pummeligen Kumpanen (man merke auch "Story of Ricky"), nachdem auch "Das Schweigen der Lämmer" sehr frei adaptiert worden ist, sogar neue Maßstäbe zu setzen, sowohl was Ekel/Gore, als auch den grundlegenden Plot selbst angeht. In Wahrheit erwacht der menschliche Tausendfüßler erst hier in seiner vollen Pracht zum Leben. Herschell Gordon Lewis oder Henenlotter hätten ihn womöglich eher belächelt.

Krank.

Das bezieht sich sowohl auf Plot, Protagonisten, als auch das gesamte Drumherum. Für Fans des abtrünnigen Kinos wartet "Human Centipede 3" (auch "Headless", "Hanger") überraschenderweise noch mit einigen skurillen, ekligen und haarsträubenden Momenten auf und treibt Antikunst auf eine neue Stufe. Provokant, verstörend und anders. Polarisiert und antiempathiert gleichermaßen. Muss man entweder lieben oder hassen ...

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