Kaum hat Sandra (Marion Cotillard) ihre Depression, wegen der sie lange krankgeschrieben war, überwunden, erfährt sie, dass ihre Kollegen zu Gunsten einer Prämie von 1000 Euro dem Abbau ihr Stelle zugestimmt haben. Da die Abstimmung nicht korrekt verlaufen ist, muss sie am Montagmorgen wiederholt werden. Sandra hat ein Wochenende lang Zeit ihre Kollegen umzustimmen…
Die Brüder Jean-Pierre (geb. 1951) und Luc Dardenne (geb. 1954) realisieren ihre Spiel- und Dokumentarfilme meistens gemeinsam. Ihre Filme, welche von sozialer Not und Familienproblemen handeln, werden regelmäßig in Cannes ausgezeichnet, für „Rosetta“ (1999) und „L’Enfant – Das Kind“ (2005) erhalten sie die Goldene Palme. Auch „Deux jour, une nuit“ erlebt seine umjubelte Premiere an der Croisette, geht bei den Preisverleihungen allerdings leer aus, was der Tatsache geschuldet sein mag, dass das belgische Regieduo seit 15 Jahre das Festival dominiert. Ihr Werk ist eine anrührende Sozialstudie über den Verlust von Solidarität in der heutigen Gesellschaft. Die Situation ist brandaktuell: die Fabrik für Solarzellen leidet wegen der chinesischen Konkurrenz unter Auftragsmangel und muss Personal abbauen. Selbstverständlich sind fast alle Mitarbeiter damit einverstanden, die lange Krankgeschriebene zu entlassen, schließlich werden sie nur dann mit einer Prämie belohnt. Doch für die nur halbwegs genesene Sandra, die immer noch unter Depressionsschüben leidet, wäre der Verlust des Arbeitsplatzes eine Katastrophe. Das Gehalt ihres Ehemanns (Fabrizio Rongione) reicht nicht zum Erhalt des kleinen Häuschens, die 4-köpfige Familie verlöre alles und müsste in eine Sozialwohnung umziehen. So sucht die verzweifelte Mutter jeden einzelnen Kollegen auf, doch manche lassen sich verleugnen, andere begegnen ihr mit blankem Hass. Sie findet aber auch Mitgefühl und Unterstützung, auch wenn fast jeder Fabrikarbeiter das Geld dringend braucht. Die menschlichste Reaktion zeigt der ehrenamtliche Trainer einer Fußball-Jugendmannschaft, der sie weinend um Verzeihung bittet, dass er für die Prämie gestimmt habe.
Sandras verzweifelter, existenzieller Kampf wird zur Parabel auf eine unmenschliche kapitalistische Gesellschaft, in der kaum noch Platz für die Schwachen ist. Die Handkamera ist die meiste Zeit ganz nah dabei und vermittelt einen realistischen, fast dokumentarischen Eindruck, der durch lange Standbilder und das Fehlen von Zooms noch verstärkt wird. Marion Cotillards (Oscar, Golden Globe und César für „La vie en rose“ 2007) Darstellung der zerbrechlichen Kämpferin ist schlicht zum Niederknien.
Für mich ist „Zwei Tage, eine Nacht“, neben Richard Linklaters „Boyhood“, der beste Film des Kinojahrs 2014. (10/10)