„The unremarkable Spider-Man"
Schon der Reboot der Spider-Man-Serie gerade mal 5 Jahre nach Sam Raimis „Spider-Man 3", wurde seinerzeit zurecht als überflüssig und rein wirtschaftlich motiviert kritisiert. Marc Webbs „The Amazing Spider-Man" (2012) stimmte dann wieder etwas versöhnlicher, gelang es dem unverbrauchten Regisseur doch immerhin seinen Film zumindest in Ton und Stimmung so etwas wie eine erkennbare, eigene Handschrift zu verpassen.
Weniger bunt, düsterer, ernsthafter und geerdeter, entfernte sich Webb vom Look der frühen Comics und damit auch von Raimis Herangehensweise. Das Realismus-Konzept innerhalb von dem eigentlich widersprechenden Comicwelten hatte bereits Christopher Nolan mit seiner bahnbrechenden „Dark Knight"-Trilogie überaus erfolgreich etabliert. Mit Andrew Garfield hatte Webb zudem einen Hauptdarsteller, der Peter Parker weniger tollpatschiog und nerdig als Tobey Maguire interpretierte und damit die atmosphärische Verdunklung auch darstellerisch unterstützte.
Für den zweiten Teil durfte man also durchaus ernsthaft hoffen, dass der eingeschlagene Weg konsequent weiter verfolgt werden würde, zumal ein weltweites Einspiel von knapp 760 Millionen Dollar die Neujustierung deutlich abgesegnet hatte. Dass sich diese berechtigten Erwartungen dann so gut wie gar nicht erfüllen, ist so ärgerlich wie verwunderlich.
„The Amazing Spider-Man 2" ist in beinahe jeder Hinsicht ein deutlicher Rückschritt zum vorsichtig neues Terrain testenden Vorgänger. Der Look ist bunter, die Stimmung freundlicher und die Action deutlich comicartiger angelegt. Webb nähert sich damit wieder mehr den Raimi-Versionen und entzieht damit seiner Reihe letztlich die Daseinsberechtigung.
Zusätzlich zur bzw. im Einklang mit der hektischen (und unverständlichen) Rückwärtsbewegung, gerät der Film auch noch dramaturgisch ins Stolpern. Vor allem die Liebesgeschichte zwischen Peter und Gwen will nicht so recht in Fahrt kommen und sorgt zunehmend für Langeweile. Zudem stimmt die Chemie zwischen den beiden Darstellern nicht, ein regelrechtes Kunststück, denn die beiden Darsteller sind auch privat liiert. Fairerweise muss man allerdings zugeben, dass hier in erster Linie die verunglückte Anlage der Film-Figuren sowie deren jeweilige Interpretation verantwortlich sind. Während es dem bereits 29-jährigen Garfield beispielsweise erstaunlich überzeugend gelingt einen 17-jährigen Senior (High-School-Abgänger) zu mimen, wirkt die 26-jährige Stone zu keinem Zeitpunkt wie ein Teenager. Als gleichaltriges High School-Paar funktionieren die beiden überhaupt nicht. Gwen wirkt aber nicht nur deutlich älter als ihr Freund, sonder auch reifer, pragmatischer und zielorientierter (sie zieht ein Studium in England einer Beziehung mit Peter vor). So fragt man sich permanent, was die beiden eigentlich aneinander finden, eine Frage, auf die der Film keine überzeugende Antwort parat hat.
Knirscht die Liebesgeschichte also an allen Ecken und Enden, sieht es auf Spideys Gegner-Seite nicht viel besser aus. Wieder einmal mutiert einWissenschaftler aufgrund eines Labor-Unfalls zu einem Fantasy-Wesen mit überirdischen Kräften und allerlei körperlichen Transformationen. Das mag in den Groschenheften noch einigermaßen gut funktionieren, sieht man das aber alle zwei Jahre auf der großen Leinwand, wird es langsam enervierend öde.
Diesmal ist es also „Electro". Jamie Foxx mimt gewohnt uncharismatisch zuerst das nerdige, von der Welt verkannte Wissenschaftsgenie Maxwell Dillon und schlüpft dann in die blaue Maske des lebendigen Starkstromkabels Electro. Obwohl vom Hass auf die Stadt und v.a. Spider-Man (der - oh unmenschliche Tragik - nach einer kurzen Begegnung seinen Namen vergessen hatte) zerfressen, ist der Blaumann nie bedrohlich, sondern beinahe durchgängig lächerlich.
Webb hat wohl gemerkt, dass ein Blitze schleudernder und sämtliche Gesetze der Physik außer Kraft setzender, blau leuchtender Wahnsinniger der unter anderem in Steckdosen verschwinden kann, nicht mehr ganz so gut zu seiner zarten Realismus-Ausrichtung aus Teil 1 passt und sie nicht zuletzt aus diesem Grund weitestgehend über Bord geworfen.
Im modernen Superhelden-Blockbuster reicht natürlich ein böser Bube nicht mehr aus, also darf mal wieder Peters Jugendfreund Harry Osborne mitmischen. Dane DeHaan gibt mit grausigem Haarschnitt und einer peinlich auf böser Leonardo DiCaprio getrimmten Performance eine mehr unfreiwillig komische als überzeugende Vorstellung und passt sich wunderbar ins total missglückte Villain-Ensemble des Films ein. Am Ende darf er dann „endlich" als auf einem CGI-Surfbrett herumrasender „Green Goblin" Spider-Man noch einmal so richtig ins Unglück stürzen. Ach ja, zu unguter letzt hat auch noch Paul Giamatti als prolliger Gefahrenstoff-Dieb seinen Auftritt, nur um dann später in einer seltsamen Rhinozeros-Kampfroboterrüstung zerstörungswütig durch Manhattan zu stapfen. Der Rest ist dann CGi-Gedöns nach sattsam bekanntem Muster.
Die - immerhin gewohnt perfekt getricksten Actionszenen - machen somit eigentlich auch nur dann Spaß, wenn Spider-Man es nicht mit einem der drei albernen Schurken zu tun bekommt und alles sehr schnell nach modernen Konsolen-Spielen aussieht. So gehören diverse Rettungen unschuldiger Passanten, sowie das Verhindern von tödlichen Unfällen und auch das Schwingen durch die Häuserschluchten New Yorks zu den unbestrittenen Glanzpunkten eines über weite Strecken auch enttäuschenden Superhelden-Spektakels.
Schade. Mit „The Amazing Spider-Man 2" hat das erfolsgverwöhnte Marvel-Studio (wenn auch hier "lediglich" in Coproduktion mit Sony) erstmals einen Vorgeschmack auf eine mögliche, drohende Zukunft seiner Unternehmungen geliefert. Von den Kinobesuchern finanziell noch nicht abgestraft (über 700 Millionen spülte auch dieser Film wieder in die Kassen), ist doch zumindest künstlerisch und dramaturgisch eine offenkundige Einfallslosigkeit und deutliche Redundanz erkennbar.
Webbs zweiter Spinnenmann-Auftritt ist nur leidlich unterhaltsam, auf Bösewicht-Seite meist lächerlich, wenig spannend und im Hinblick auf die sattsam bekannten Plotpoints auch viel zu lang geraten. Angesichts Sam Raimis nicht allzu betagter Trilogie letztlich überflüssig, zumal man die mit dem Reboot-Start sanft eingeläutete Realismus-Ausrichtung wieder flugs verlassen hat. „The Amazing Spider-Man 3" wird kommen, das ist so sicher wie das alljährliche Weihnachstfest. Eine vergleichbare Vorfreude ist da aber inzwischen gänzlich unangebracht.