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„Das hier ist ein schlechter Film!“

Was für ein Debüt! Ole Bornedals erste Kino-Regiearbeit „Nightwatch – Nachtwache“, mit der er 1994 an die Öffentlichkeit trat, dürfte zum Besten gehören, was Dänemark im Bereich des Thrillers vorzuweisen hat. Der Psycho-Thriller mit Horrorschlagseite erzählt die Geschichte des Studenten Martin (Nikolaj Coster-Waldau, „Black Hawk Down“), der einen Job als Nachtwächter in der Pathologie antritt und sich in seiner Freizeit ein grenzwertiges Mutproben-/Wett-Spiel mit seinem unausgelasteten Kumpel Jens (Kim Bodnia, „In China essen sie Hunde“) liefert. Gleichzeitig geht ein Serienmörder in der dänischen Hauptstadt um, der es auf junge Frauen abgesehen hat und dessen Opfer eben in der Pathologie landen. Seine Mutproben bringen Martin in die Bredoullie, während der Nachtwache flattert sein Nervenkostüm und nach merkwürdigen Vorfällen beginnt man nicht nur, an seinem Verstand zu zweifeln, auch die Spuren des Serienmörders führen zu ihm.

Bornedal geht recht eigenwillige Wege, seine Geschichte zu erzählen, indem er zunächst Nebensächlichkeiten als Aufhänger für eigentlich Entscheidendes nimmt, was den Zuschauer in Sicherheit wiegt und allerlei Überraschungen für ihn bereithält. Das trägt nicht nur dazu bei, das Geschehen aus Martins Sicht zu erleben, sondern wirkt sich auch positiv auf die Dramaturgie aus. Wenn sich das Netz um den unscheinbaren Martin immer enger zieht, wird Hochspannung erzeugt, wie es ein Hitchcock nicht besser gekonnt hätte. Gebannt folgt man den locker-sympathischen und doch undurchsichtigen Charakteren, denen man alles und nichts zutraut. Bornedal gelang eine nahezu perfekte Balance zwischen bedeutsamen Dialogen, einer etwas zynischen, überaus angenehm in den Film integrierten, nie dessen Stimmung riskierenden Art von Humor sowie wohlplatzierten Schlüsselszenen, die die Handlung vorantreiben, eingebettet in das verunsichernde Ambiente eines kleinen Büros neben einer großen Leichenhalle. Erzählerisch überaus geschickt gelöst.

Dabei wird stark auf nachvollziehbare Emotionen gesetzt, die von den hervorragend in ihre Rollen passenden Schauspielern zum Ausdruck gebracht werden, während ihre Charaktere etwas Doppeldeutiges, Diffuses behalten – was das Interesse des Zuschauers konsequent aufrecht erhält. Kim Bodnia erinnert mich optisch ein wenig an James Belushi, aber das nur am Rande. Ulf Pilgaard spielt als Inspektor Wörmer groß auf, mit zunehmender Spieldauer gewinnt seine Rolle an Bedeutung. Mit Enttarnung des Täters setzt nicht etwa Entspannung beim Zuschauer ein, im Gegenteil: Unnachgiebig verhindert Bornedal durch ein rasantes Finale, das die Spannung nicht nur weiterhin gewährleistet, sondern gar steigert, dass man sich zurücklehnen und in Sicherheit wiegen könnte. Er dreht noch einmal ordentlich auf, bis er im Epilog den Bogen zurück zum Humoristischen schlägt und einen überaus befriedigten Thriller-Freund versöhnlich zurücklässt. Denn „Nightwatch – Nachwache“ ist interessanterweise keineswegs ein pessimistischer Terrorfilm o.ä., sondern auch eine sympathische Geschichte über Männerfreundschaft und junges Erwachsensein und durchzogen worden mit einem Augenzwinkern den Alltag betreffend, den nicht nur Bornedal mit seinem Film, sondern den auch seine Protagonisten gern mit spitzbübischer Attitüde an der Grenze dessen, was man noch als Spiel oder Streich bezeichnen kann, aufmischen und damit Spießigkeit und Establishment zumindest einen leichten Tritt verpassen. Ja, für einen Genrefilm, der vorrangig spannend unterhalten will, ist „Nightwatch“ quasi perfekt gelungen; ein Rädchen greift ins andere, als hätte Bornedal nie etwas anderes gemacht, als derartige Filme zu drehen. „Nightwatch – Nachtwache“ überzeugt in sämtlichen Belangen und ist Pflichtprogramm für jeden Krimi-, Thriller- und Horrorfan! Dänen lügen nicht – außer im von mir an den Kopf meiner Kritik gestellten Zitat.

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