Review
von Leimbacher-Mario
Sick Brother Is Watching You
„My Little Eye“ ist ein früher Found Footage-Horrorthriller zwischen dem damaligen Reality TV-Hype a la Big Brother und dem ebenso großen Kinohype a la „Blair Witch Project“. Hier ziehen auf Ruf einer geheimnisvollen Internetannonce fünf fremde in ein Haus im Nirgendwo. Sechs Monate, dutzende Kameras, womöglich tausende Zuschauer im (damals noch recht jungen) Netz, viel Geld als Ziel zum Durchhalten. Man versteht sich, es klappt anfangs gut, die Zeit vergeht, der Schnee beginnt zu fallen. Doch schnell geschehen seltsame Dinge, das Misstrauen untereinander und zu den Organisatoren schrumpft und man ist sich gar nicht mehr sicher, was das hier überhaupt für eine Show sein soll…
Gefühlt war „My Little Eye“ seiner Zeit etwas voraus. Definitiv mehr „Escape Room“, „Unfriended: Dark Web“ oder „Follow Me“ als Zlatko und Jürgen. Die meiste Zeit bleibt alles unterschwellig und ungewiss. Ist es nun Show oder echte Gefahr, Planung oder schon längst außer Kontrolle. Wem kann man vertrauen, inwieweit ist man käuflich bzw. ein kleiner Spanner. Richtig zum Slasher wird er nur in den letzten, noch mit am wenigsten funktionierenden und fesselnden Minuten. Bradley Cooper hat einen lustigen Kurzauftritt weit vor „Hangover“ und seinem Durchbruch. Die Kamerawinkel und Toneffekte sind nicht immer der Situation angepasst und glaubwürdig, tun aber ihren Zweck. Die Laufzeit rafft sich sehr zusammen, die soziale Komponente ist heutzutage in einem wesentlich fortgeschrittenen Internet und einer nochmal womöglich verrohteren Gesellschaft natürlich akuter und aktueller denn je. Und das Verhalten der Bewohner fühlt sich durchgängig authentisch, ungekünstelt und glaubhaft an. Etwas steif vielleicht auch, ein großer Star ist hier zurecht keiner geworden (abgesehen vom genannten Chameo). Insgesamt etwas zahm und unspektakulär. Aber beinahe als Frühwerk dieser snuffigen Netzfilmrichtung immerhin interessant bis in Ordnung.
Fazit: die kleinere Cousine von „Kolobos“ oder „Blair Witch 2“ - gar nicht allzu weit hergeholt. Für die damalige Zeit. Aber noch mehr für heute.