„Und täglich grüßt der D-Day"
Von den Freuden immer wieder den gleichen Tag aufs Neue erleben zu müssen kann Bill Murray ganze Arien singen. In "Groundhog Day" erlebt er als arrogant-zynischer Wetterfrosch Phil Connors eine Endlos-Schleife des enervierenden Murmeltiertags im Kleinstadtkaff Punxsutawney.
Tom Cruise hat es da allerdings noch weitaus schlimmer erwischt. So darf er tagtäglich an einem nordfranzösischen Strand bei einem selbstmörderischen Landeunternehmen gegen eine übermächtige Alienarmee ins spärlich vorhandene Dünen-Gras beißen.
Die durchaus nicht unoriginelle Idee den Murray-Hit von 1993 als Science-Fiction-Actionvariante wieder aufzulegen, basiert lose auf dem japanischen Roman „All you need is kill". Vor allem Anlage und Situation der Hauptfigur orientiert sich aber vornehmlich an Ivan Reitmans Komödie.
Wie Connors landet auch Major Bill Cage (Cruise) sehr widerwillig am Ort des Geschehens, meidet er doch als schnöseliger Kriegsmarketing-Experte jegliche Kampfhandlungen wie der Teufel das Weihwasser. Als er sich weigert aus vorderster Front zu berichten, wird er kurzerhand zum Private degradiert und zur ersten Angriffswelle abkommandiert. Wenig überraschend wird der völlig Unerfahrene in den ersten Minuten getötet. Da er dabei aber mit dem Blut eines seltenen Alien-Anführers in Kontakt kommt, gerät er in eine Zeitschleife die ihn den Alptraumtag immer und immer wieder durchleben lässt.
Was dieses Horroszenario auf die Spitze treibt - auch das eine deutliche Parallel zu „Groundhog Day" - ist die Tatsache, dass Cage von seinem ganzen Naturell her kaum weniger für das folgende Szenario geeignet sein könnte. Dem selbstverliebten, arroganten und eloquenten Werbeprofi sind sämtliche militärischen Tugenden und Lebensumstände völlig fremd. Das sorgt dann wiederholt für komische und ironische Situationen, die ein ums andere Mal den ansonsten bierernsten Plot auflockern. Dazu trägt nicht zuletzt auch Bill Paxton bei, der in seiner kleinen, aber prägnanten Rolle als Master Sergeant Farrell Bartolome groß aufspielt und das in vielen Filmen kolportierte Image des typischen US-Drill-Sergeant süffisant durch den Kakao zieht.
Das dies so gut funktioniert ist vor allem ein Verdienst von Regisseur Doug Liman. Schon beim launigen Dating-Projekt von Brad Pitt und Angelina Jolie („Mr. & Mrs. Smith") hat er bewiesen, dass Action und Komik sich wunderbar ergänzen können. In „Edge of tomorrow" ist der Humoranteil geringer, fügt sich aber ähnlich homogen ins Gesamtkonzept.
Der Fokus liegt ganz klar auf Action und auch da hat Liman mit dem ersten „Bourne"-Streifen bereits eine markante Duftmarke gesetzt. Wenn auch „Edge" aufgrund des Alien-Szenarios deutlich effektlastiger ausgefallen ist, so legte Liman aber auch hier wieder besonderen Wert auf Kampfchoreographie und Realismus. Beispielsweise orientieren sich die Exoskelette mit denen die Menschen gegen die Aliens antreten auf real existierenden Projekten aus den Bereichen Medizin und Militär. Aber Liman ließ diese Kampfanzüge nicht einfach nachträglich per Computer einfügen, sondern sie eigens herstellen und auch die Schauspieler mit den bis zu 40 kg-schweren Exoskeletten trainieren. Eine Mühe die sich im fertigen Film deutlich auszahlt. So wirken Bewegungsabläufe und Verlauf der Kämpfe trotz des futuristischen Anstrichs überraschend natürlich und nachvollziehbar. Im Verbund mit dem ausnahmsweise gelungenen 3D-Effekt entstanden so eine Vielzahl visuell spektakulärer Actionszenen, denen nicht der sterile und künstliche Konsolen-Charakter der meisten Superhelden-Abenteuer anhaftet.
Erfreulich auch, dass die Darsteller nicht völlig hinter all dem Bombast und Spektakel verblassen. Tom Cruise hat sichtlich Spaß vor allem an den schnöseligen und schmierigen Seiten seiner Figur, die sich erst im Verlauf der Handlung zum Helden mausert. Natürlich verlangt die Rolle nicht nach subtilem Charakterschauspiel, dennoch gelingt es Cruise mühelos Empathie zu wecken und angesichts der wenig alltäglichen Handlung glaubwürdig zu bleiben.
Emily Blunts Rolle als Supersoldatin Rita Vrataski ist da weniger facettenreich und insbesondere als Konterpart zu Cage angelegt, aber auch sie meistert ihren Job als toughe, weitestgehend humorlose Kampfamazone überzeugend. Vor allem da die Chemie zwischen den beiden Stars stimmt, ist es etwas schade, dass der Interaktion der beiden unterschiedlichen Figuren im letzten Filmdrittel kaum mehr Beachtung geschenkt wird.
Wesentlich akzentuierter ist da schon die Reminiszenz an die Landung der Aliierten im Juni 1944. Erneut bricht eine internationale Streitmacht aus dem in ein Feldlager verwandeltes Großbritannien auf, um die Invasoren aus dem besetzten europäischen Festland zu vertreiben. Da sich die Landung in der Normandie für Cage jeden Tag aufs neue wiederholt, bieten sich hier reichlich Möglichkeiten für spektakuläre und abwechslungsreiche Kampfsequenzen, zumal Liman das Gemetzel aus unterschiedlichen Perspektiven präsentiert. So wird das Gezeigte trotz mehrfacher Wiederholung nie langweilig. Obendrein lernt Cage ständig dazu, nicht nur was seine kämpferischen Fähigkeiten betrifft, sondern auch - und hier kommt wieder der trockene Humor ins Spiel - wie er unliebsame Situationen gekonnt umschifft bzw. zum eigen Vorteil umbaut.
Es ist also durchaus ein buntes Gemisch, das Doug Liman hier auf sein Publikum loslässt. Dennoch ist die scheinbar krude Mixtur aus „Täglich grüßt das Murmeltier", „Der Soldat James Ryan" und apokalyptischer Alien-Invasion erfreulich rund und kurzweilig geraten. Audiovisuell ist der Film eine Pracht, wenn auch Actionpuristen den mangelnden Härtegrad bedauern werden. Bei einem Budget jenseits der 175 Millionen $ ist die weitestgehende Familientauglichkeit andererseits wenig überraschend. Auch sollte man die Logik der ganzen Zeitschleife-Thematik nicht unbedingt auf absolute Hieb- und Stichfestigkeit abklopfen, aber welcher Sujet-verwandte Film hält einer solchen Prüfung schon hundertprozentig stand.
Bestanden jedenfalls hat wieder mal Tom Cruise. Sein Gespür für unterhaltsames Blockbusterkino ist nach wie vor untrüglich. Wahrscheinlich könnte er sich zumindest für die Konservierung dieser Fähigkeit mit einer Zeitschleife durchaus anfreunden.