„Neues Spiel, noch kein Glück"
Altersvorsorge ist auch bei Actionstars ein Thema, sofern sie nicht das gern bemühte Klischee mangelnder Intelligenz befeuern. Jason Statham jedenfalls macht sich offenbar durchaus so seine Gedanken über den Karriereherbst. Bei seinem Ausstoß an kerniger Actionware vergisst man schnell, dass der drahtige Ex-Turmspringer rasant auf die 50 zusteuert. Und da werden all die schweißtreibenden Kampfszenen, all die Sprünge, Tritte, Schläge und Flugeinlagen nicht unbedingt leichter, zumal für jemanden der sein Selbstverständnis als Genrestar und sein Image bei den Fans daraus bezieht, so viel wie nur irgend möglich selbst zu machen.
Die Lösung ist vergleichsweise einfach: mehr Thrill als Action, mehr Rederei als Prügelei und mehr Schauspiel als Schauwert. Spätestens seit 2013 ist diese Schwerpunktverlagerung in Stathams Filmographie erkennbar. Das Trio „Parker", „Redemption" und „Homefront" (er)fordert mehr den Darsteller und weniger den Kämpfer. Zwar gibt es nach wie vor ruppige, durchaus anspruchsvoll choreographierte Faustkämpfe zu bewundern, allerdings sind diese deutlich dünner gesät und stehen weitaus erkennbarer im Dienst der jeweiligen Handlung. Statham bekommt mehr Raum und Gelegenheit, seine Figuren jenseits ihrer Körperlichkeit zu definieren, aktuell zu bestaunen im Zockerdrama „Wild Card".
Die Figur des in Las Vegas gestrandeten Nahkampfexperten Nick Wild gehört sicherlich bis dato zu Stathams ambitioniertesten Projekten. Durch schlaglichtartig angeordnete Episoden entsteht nach und nach das Bild einer gescheiterten Existenz und eines chronisch Spielsüchtigen, der sich nicht von der eigentlich verhassten Glücksspiel-Metropole lösen kann. Wild arbeitet und lebt seit über 10 Jahren in Vegas und verdingt sich dabei als unterbezahlter Sicherheitsberater. Sein Traum einer 5-jährigen Auszeit in Europa dient lediglich der Selbstverleugnung seiner notorischen Spielleidenschaft, die dafür benötigten 500 000 Dollar als bequemes Alibi, da praktisch nicht zu erreichen.
Das Skript - wie auch der zugrundeliegende Roman - stammt von dem gefeierten amerikanischen Schriftsteller und Drehbuchautor (u.a. "Zwei Banditen", „Die Unbestechlichen", „Maverick", Absolute Power") William Goldman und wurde 1986 schon einmal mit Burt Reynolds in der Hauptrolle verfilmt („Heat"). Doch anders als in der Buchvorlage blieb der Protagonist blass, das Drama bemüht und die Spannung weitestgehend auf der Stecke. So gesehen hätte Regisseur Simon West gewarnt sein müssen, allein sein aktuelles Remake verfügt über exakt dieselben Schwächen, was gleichermaßen überrascht wie enttäuscht.
Sicherlich stößt Statham beim Porträt eines sich selbst verleugnenden Trinkers, Spielers und Glücksritters an seine mimischen Grenzen. Er wirkt schlicht zu cool, zu abgeklärt und auch zu souverän für solch eine zerrissene Figur. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sind praktisch nicht erkennbar. Aber auch Simon West - der nach „The Mechanic" und „The Expendables 2" schon zum dritten Mal mit Statham arbeitet - findet kein Mittel, um das in der Erzählung angelegte Drama greifbar zu machen.
Zwar findet er stilvolle und passend melancholisch arrangierte Bilder der Glitzermetropole, schafft es aber nicht, die Episoden aus Nicks Vegas-Alltag zu einem homogenen Abbild der Spieler-Psyche zusammen zu fügen. Lediglich in den wenigen, aber kunstvoll inszenierten Kampfszenen, die zwischen Zeitlupe und Geschwindigkeit mäandern, scheint er in seinem Element und kreiert etwas Eigenständiges und Nachhaltiges. Schade auch um die vielen namhaften Costars (u.a Anne Heche, Michael Angarano) die mit ihren gelungenen Kurzauftritten nicht das große Ganze voranbringen. Vor allem Stanley Tucci setzt als örtliche Mafiagröße „Baby" ein Glanzlicht, das im gescheiterten Gesamtkonzept verpufft.
Schlussendlich bleibt „Wild Card" zu sehr an der Oberfläche, was für einen Film der ja genau das Gegenteil anvisiert, eine ordentliche Hypothek darstellt. Für einen Thriller kommt zu wenig Spannung auf, für ein Drama bleiben sämtliche Figuren zu blass und für eine Vegas-Demontage fehlt es an narrativer Substanz und Tiefe. Für ein beruhigendes Rente-Ruhekissen muss Jason Statham also noch etwas üben. Aber so alt ist er ja nun auch wieder nicht. Die grobe Richtung stimmt immerhin, jetzt muss er nur noch in die richtige Spur finden.