Zeigten sich die bisherigen Versuche, den Spielautomatenklassiker „Street Fighter“ auf die Leinwand zu bringen, allzu sehr von der Bandbreite des Kaders beeindruckt und versuchten zu Lasten von Glaubwürdigkeit und Ausarbeitung der Charaktere viel zu krampfhaft, möglichst viele Kämpfernamen fallen zu lassen, zeigt die Webserie „Assassin’s Fist“, wie tief man wirklich in ein Prügelspiel eindringen kann – und somit in ein Videospielgenre, das im gesellschaftlichen Empfinden noch oberflächlicher wahrgenommen wird als der gemeine Egoshooter.
Dem versucht Regisseur und Akuma-Darsteller Joey Ansah gemeinsam mit Co-Autor und –Creator sowie Ken-Darsteller Christian Howard mit aller Macht entgegenzuwirken. Ohne Rücksicht auf Spektakel und Schauwerte beschränken sie die Anzahl der bekannten Charaktere tatswahrhaftig auf vier. V-i-e-r. Zum Vergleich: Der aktuelle „Ultra Street Fighter IV“-Ableger bietet die 11-fache Anzahl an Figuren. All die Bisons, Blancas, Vegas, Hondas und Zanghiefs, man sucht sie vergebens. Was den riesigen Vorteil hat: Von albernen Karikaturen ihrer selbst wird man somit auch verschont. Und wer das Glück hat, trotz des kleinen Cast doch Filmgegenstand zu werden, wird zum facettenreichsten Beat-em-Up-Charakter, der bis dato je auf Film gebannt wurde.
Schon bei der Auswahl der Hauptrollen hebt sich das Projekt von seinen Vorgängern ab: Wirkten Guile und Chun Li als jeweilige Leading Roles völlig willkürlich aus dem breiten Kämpferangebot herausgepickt, erweist sich die Wahl Ryus und Kens als sehr bedacht, bilden sie doch das erste spielbare Doppel in der fast schon drei Dekaden alten Spieleserie und sind bis heute ihr unbestrittenes Zentrum, selbst wenn inzwischen noch so manch spektakulärer Charakter hinzugekommen ist.
Ein Aspekt, der Ryu und Ken auszeichnet, ist auch geradezu archetypisch für das gesamte Genre und seine kampfsportphilosophischen Aspekte: Das Duell gegen das eigene Ich. Es hat sicherlich programmiertechnische Hintergründe, dass in allen bekannten Beat-em-Ups manche Charaktere die gleichen Move-Repertoires teilen und sich somit nur im Design und vielleicht der Persönlichkeit unterscheiden (was bei wenig Mehraufwand ein großes Auswahlplus zur Folge hat), doch inzwischen haben die sogenannten „Mirror Matches“ eine fast schon kathartische Qualität erreicht, die sogar die feurigsten Kämpferrivalitäten toppt, wie sie manchmal durch kurze Hintergrundstories entfacht werden. Der Kampf gegen sich selbst oder gegen den Bruder im Geiste ist schließlich das ultimative Ziel, jene Hürde, an der selbst die Unbesiegbaren zerbrechen können.
„Assassin’s Fist“ macht sich diesen Aspekt geschickt zunutze, indem es seinen Plot darauf aufbaut, wie die Ziehbrüder Ryu und Ken gemeinsam ihre Ausbildung genießen und trotz der gemeinsam erlernten Techniken langsam ihre eigenen Wege erkunden, die sie später voneinander trennen werden. Die vermutlich drehtechnisch günstige, aber nicht günstig ausschauende Gebirgs- und Seenlandschaft Bulgariens sorgt für einen entschleunigenden Effekt und bietet einen spirituellen Rahmen, der von vornherein deutlich macht, dass sich der Regisseur Zeit nehmen möchte, um seine Figuren sich entwickeln zu lassen. Obwohl man sich Ryu vielleicht etwas kräftiger ausgemalt hätte, eine Vorstellung, der Mike Moh rein physisch nicht gerecht werden kann, sind die Charaktere insgesamt hervorragend getroffen. Gerade Christian Howard ist optisch die totale Entsprechung der Vorlage, die stets wie ein unberechenbarer, böser Zwilling der gleichnamigen Barbie-Puppe wirkte und gerade daraus ihren Reiz bezog. Howard ähnelt in manchen Einstellungen optisch dem jungen Tom Cruise und passt so auf den leicht rebellenhaften Schönling, der sich aus seinen ästhetischen Vorzügen aber nichts zu machen scheint, weshalb er sein blondes Haar auch ungestüm und unkontrolliert lang auf dem Kopf trägt.
Beide Hauptdarsteller verweisen Jean-Claude van Damme, Kristin Kreuk und deren Gefolgschaften auch gerade kampftechnisch radikal in die Schranken. Flüssig werden glaubwürdige Techniken mit den aus der Spielreihe bekannten „Shoryuken“- und „Hadoken“-Techniken verknüpft. Insbesondere letztere Technik, die Materialisierung einer blauen Energiekugel zwischen den zu Pranken ausgefahrenen Handtellern, wird über mehrere Episoden hinweg einer schrittweisen Entwicklung unterzogen. Verständlich, dass die Fans bei einer derart ausführlichen Berücksichtigung der fürs Budget noch dazu sehr ansehnlich animierten Spezialeffekte aus dem Häuschen sind, zumal die Sorgfalt nicht etwa bei den Effekten halt macht, sondern sich auch auf die Charaktere überträgt, die in der Anlage vielleicht etwas klischeehaft, dann aber doch wieder erstaunlich tiefsinnig angelegt sind. Gleiches gilt auch für Gouken (Akira Koieyama) und Akuma (Joey Ansah), deren Vorgeschichten in Flashbacks erzählt werden und die dem Martial-Arts-Film sicherlich keine neuen Facetten verleihen, den vorgegebenen Pfaden aber hoch erhobenen Hauptes folgen. Die Metamorphose von Gouki zu Akuma ist erfreulicherweise von eher unaufdringlicher Natur und resultiert in gedecktem Make Up, das aber durchaus schon unmenschlich erscheint.
Zusatzpunkte in der B-Note liefern kleine Zitate oder Gags, die den eher ernsten Ton immer zur rechten Zeit auflockern; eine alte Nintendo-Konsole, auf der Ryu und Ken „Mega Man“ spielen, weist auf jene Hochphase an, in der die „Street Fighter II“-Serie die Spielhallen eroberte. Ein alter Mann auf der anderen Seite des Sees liefert regelmäßig im Stil eines „Drunken Master“ aus alten Kung-Fu-Filmen der 70er einen Meta-Kommentar zur Beziehung der Brüder ab, und ein Ausflug in ein Nachtlokal liefert den einzigen kurzen Hinweis auf den Titel „Street Fighter“, als sie auf organisierte Rundenkämpfe stoßen und prompt teilnehmen – wobei Ansah die Ironie auskostet, diese Kämpfe nicht zu zeigen.
Da die Webserie nun in Form eines 140-minütigen Films veröffentlicht wurde, sollte man sich das Originalformat allerdings umso dringlicher in Erinnerung berufen. Die ausführlichen Trainingssequenzen und die schleichende Entwicklung der Charaktere wirken sich kontraproduktiv aus, wenn man Ansprüche an eine schlüssige Filmdramaturgie erhebt. Kleine Höhepunkte bauen sich auf und ebben immer wieder ab; die 10-Minuten-Rhythmik ist trotz der gekonnten Montage immer spürbar, und als sich am Ende doch ein größerer Spannungsbogen abzeichnet, tritt das Ende ein, bevor es zum großen Finale kommen kann. Allerdings sollte man nicht zu streng umgehen mit einem Low-Budget-Projekt, das immerhin ursprünglich für eine andere Form der Veröffentlichung gedreht wurde.
In jedem Fall schreit „Assassin’s Fist“ nach einer, wenn nicht mehreren Fortsetzungen: Man möchte mehr über den Lebensweg von Ryu und Ken erfahren, vor allem aber möchte man Zeuge werden, wie auch alle anderen Charaktere nach und nach ebenso würdig portraitiert werden.