"Und wo ist Godzilla?"
Auf den Philippinen entdeckt Dr. Ichiro Serizawa (Ken Watanabe) im Jahre 1999 Überreste eines riesigen, prähistorischen Wesens sowie eine Brutstätte, aus der etwas geschlüpft zu sein scheint. Kurze Zeit später erschüttert ein Erdbeben die japanische Stadt Janjira, wobei die Frau von Joe Brody (Bryan Cranston) während ihrer Tätigkeit in einem Atomkraftwerk umkommt.
15 Jahre später hat Joe den Verlust immer noch nicht überwunden, während sein Sohn Ford (Aaron Taylor-Johnson) mit seiner Frau Elle (Elizabeth Olsen) ein neues Leben in den USA aufgebaut hat. Nach einer erneuten Festnahme seines Vaters, reist Ford, der als Bombenexperte beim Militär tätig ist, nach Japan. Joe hat sich einmal mehr in die Quarantänezone von Janjira vorgewagt. Er ist überzeugt, dass sich in dem einstigen Unglücksort noch immer etwas befindet, was das Erbeben ausgelöst hat. Wider seinen Willen begleitet Ford Joe ein weiteres Mal dorthin. Und tatsächlich stoßen sie dort auf ein geheimes Wissenschaftsprojekt. Dr. Ichiro Serizawa leitet dort eine Forschung über ein verpupptes, riesiges Wesen, das plötzlich erwacht und nun alle umliegenden Städte bedroht. Die Waffen des Militärs zeigen kaum eine Wirkung gegen das als Muto benannte Wesen. Und dann taucht ein weiteres, gigantisches Echsenwesen auf.
Seit 60 Jahren wütet der König der Monster Godzilla schon und versetzt überwiegend die japanische Bevölkerung in Angst und Schrecken oder rettet sie vor einer noch monströseren Bedrohung. Zum zweiten Mal stattet die riesige Echse nun auch der amerikanischen Bevölkerung einen Besuch ab. Die stark kritisierte Variante von Roland Emmerich aus dem Jahr 1998 ignoriert der neue "Godzilla" ganz bewusst und geht eigene Wege, nicht ohne über selbst aufgestellte Hürden zu stolpern.
Zuerst sei dabei der überlange Prolog genannt. Nach dem Vorspann mit Archivaufnahmen von mutmaßlichen Atombomentests, hält sich der Film zunächst mit seinen menschlichen Charakteren auf. Aus dem beinahe an ein Familiendrama erinnernden Plot entsteht schließlich aber doch noch eine Mischung aus Monster-Katastrophenfilm und atmosphärisch stimmiger metaphorischer Aufarbeitung der Atompolitik. So, wie es der ursprüngliche Film 1954 vorgesehen hatte.
Der dramatische Kernkraftwerkszusammenbruch im fiktiven Janjira erinnert unweigerlich an die nukleare Katastrophe in Fukushima von vor drei Jahren und soll zunächst die einzige Höhe von "Godzilla" gewesen sein. Nach ca. einer Stunde lässt der Film dann endlich seinen eigentlichen Helden von der Leine und lässt ihn auf einen natürlichen Interessenskonflikt prallen. Nicht etwa den Menschen, sondern zwei übergroße, an Heuschrecken erinnernde, Monster. In Form des Militärs und dem überaus nichtssagenden Protagonisten, spielt auch die menschliche Seite eine Rolle. Für gewöhnlich in Form des passiven Zuschauers, denn mit Waffengewalt richtet die Menschheit kaum Schaden an. Außer gegen sich selbst. Eine schöne Komponente, auf die auch schon diverse Vorgänger aus waren.
Wenn die Monster aufeinander losgehen bietet "Godzilla" brachiale Hochglanzoptik. Wolkenkratzer klappen wie Kartenhäuser in sich zusammen, Brücken werden pulverisiert, Straßenzüge zertrampelt, öffentliche Verkehrsmittel wie Fußbälle durch die Kulisse getreten und zerrissenes Kriegsgerät brennend zur Schau gestellt. Dem Monster-Epos gelingt in diesen Momenten ein apokalyptisches Szenario von unfassbarer Wucht und die unglaublich detailreichen Effekte beeindrucken ungemein. Wobei man die räumliche Tiefe bei einer 3D-Vorstellung gänzlich vergessen kann. Eines macht der Film dabei allerdings komplett falsch: Er präsentiert diese Momente viel zu selten.
Viel zu oft verliert "Godzilla" den Fokus auf seine titelgebende Kreatur. Stattdessen rückt das Treiben des Protagonisten und des Militärs in den Vordergrund oder der Film streut vollkommen unmotiviert Bilder von Elle ein, die als Randfigur nicht viel anderes als erschrocken schauen darf. So verkommt Godzilla selbst häufig zum im Hintergrund agierenden Statisten.
Dieser Umstand sowie die Klischees und Logikeinbrüche wären sicher weniger relevant, wenn es bei den Charakteren eine Identifikationsfigur gäbe. Angesichts der bemerkenswert langen Exposition, in der die Familie Brody in aller Ausführlichkeit vorgestellt wird, ehe es überhaupt richtig zur Sache geht, ist es schon erstaunlich, wie wenig Eigenleben die meisten Schauspieler ihren Figuren einhauchen können.
Aaron Taylor-Johnson ("Kick-Ass"-Reihe) geht als Leitfigur überhaupt nicht auf, sämtliche Frauenrollen werden als Randfiguren verschenkt, Ken Watanabe ("Inception", "Letters from Iwo Jima", "Last Samurai") ist mimisch sehr einseitig. Am ehesten sticht Bryan Cranston ("Breaking Bad", "Drive", "Argo") mit einer etwas vielseitigeren Performance heraus.
Godzilla wird auch in diesem Film mit viel Respekt behandelt, obwohl er sich in vielen Punkten von seiner ursprünglichen Form unterscheidet. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist "Godzilla" definitiv eine würdige westliche Lokalisierung, die in ihren besten Szenen eine enorme Wucht entwickelt. Ein Problem sind aber seine viel zu seltenen Auftritte und menschliche Figuren, die einfach nicht mitreißen. Viel von dem vorhandenen Spannungspotential verliert der Film durch eine verzweifelte Mischung aus Familiendrama, allegorischem Subtext und generischer Militäraction. So sehr Emmerich's "Godzilla" auch immer gescholten wird, er enthält wenigstens Figuren, die auch mal anpacken.
6 / 10