Review

Affentheater

„Stellen Sie sich ein zorniges Baby vor, das zehnmal mehr Kraft hat als Sie!“

Der australische Regisseur Richard Franklin („Patrick“, „Psycho II“) drehte mit „Link, der Butler“ im Jahre 1986 eine Mischung aus Tierhorrorfilm und -Psycho-Thriller in britisch-US-amerikanischer Koproduktion.

Biologie-Studentin Jane (Elisabeth Shue, „Mysterious Skin“) assistiert in den Semesterferien ihrem Professor, dem Zoologen Dr. Philips (Terence Stamp, „Superman – Der Film“) in dessen abgelegenen Haus an einer schottischen Steilküste. Dort experimentiert er mit Affen und hält sich einen Orang-Utan als Diener, den er Link getauft hat. Doch eines Tages ist Dr. Philips spurlos verschwunden. Durch einen unangekündigten Besucher erfährt Jane, dass Link eingeschläfert werden sollte. Derweil isoliert Link Jane mehr und mehr auf Dr. Philips Anwesen. Welchen Plan verfolgt der Affe?

Ein sehr gut gefilmter Prolog versetzt den Zuschauer zunächst einmal in die Stadt, wo er aus einer offensichtlich tierischen Point-of-view-Perspektive eine Familie beobachtet, die sich gerade „King Kong“ im Fernsehen anschaut, während die Tochter aufrecht im Bett sitzt und nicht schlafen kann, weil sie unheimliche Geräusche vernimmt. Nach dem Szenenwechsel erfährt man, dass man sich in London befindet, wo an der Universität der kauzige, unfreundliche Dr. Philips und seine liebreizende zukünftige Assistentin Jane dem Zuschauer vorgestellt werden. In Schottland angekommen, fällt Philips weiterhin durch seine sarkastischen Dialoge mit Jane auf, doch schürt er auch permanent vollkommen ernst Respekt vor den Kräften der Affen, womit langsam der zumindest zu gewissen Teilen wissenschaftlich verbürgte Tierhorroranteil des Films beginnt. „Link, der Butler“ räumt auf mit dem kindlichen Klischee immer lustiger, doch dummer Affen, die man im Käfig und Zirkus zu Unterhaltungszwecken einsetzt, was besonders jüngere Zuschauer verstören oder zumindest ihr Bild dieser Tiere kräftig durcheinander bringen dürfte.

Nach einer tumultartigen Szene wird dem Zuschauer nicht verraten, was mit Dr. Philips geschehen ist, es lässt sich jedoch erahnen. Dieser zwischenzeitliche dramaturgische Höhepunkt bedeutet eine Zäsur für die Handlung, denn fortan richtet sich das Hauptaugenmerk des Films auf Jane und Link und die Beziehung zwischen beiden. Und die unheimlichen Ereignisse häufen sich: Im Schrank findet sich ein toter Affe, Link tötet einen Hund, der Jane bedroht hat etc. Die Affen bestimmen immer mehr das Geschehen auf Philips Landsitz, sie schlagen einen Mr. Bailey (Kevin Lloyd, „Fröhliche Weihnacht“) in die Flucht, der einen Affen kaufen wollte, und Link beweist beeindruckend seine Bärenkräfte, als er dessen Auto hochhebt. Spätestens ab diesem Punkt macht sich das Gefühl der Überlegenheit der tierischen Hausbewohner und des Kontrollverlusts breit, in der Mimik des stummen Links gilt es zu lesen und zu deuten, über seine Motive zu rätseln – Psycho-Thrill mit einem tierischen Antagonisten, wie ihn Hitchcock nicht besser hätte inszenieren können. Die absolute Gleichberechtigung der Affen, was ihr Handeln und ihren Status in der Geschichte betrifft, unterstreichen zahlreiche weitere Point-of-view-Kamerafahrten, wie man sie sonst beispielsweise aus Slasher-Filmen kennt.

Die tapfere Jane versucht, den Überblick über die Situation zu bewahren, muss jedoch zu ihrem Entsetzen bald erkennen, dass Link es unmissverständlich auf sie abgesehen hat. Eine Art Belagerungszustand entsteht, der Orang-Utan wird zum Sinnbild des Terrors. Eine groß angelegte Tierverschwörung à la „Die Vögel“ indes wird nicht daraus, selbst die Schimpansen fürchten sich vor dem immer gewalttätiger werdenden Link und lassen sich von Jane zur Beruhigung Märchen vorlesen. Nachdem Janes Freund mitsamt Kumpeln nach dem Rechten sieht und die Situation vollends eskaliert, besiegelt ein infernalisches, typisches Horrorfilmende mit seinem reinigenden Feuer das Ende des Films auf, was Links Rolle in ihm betrifft, durchaus überraschende Weise.

Franklin arbeitet neben den erwähnten Point-of-view-Perspektiven mit einigen originellen Kniffs und filmt z.B. durch ein großes Schlussloch einer Tür. Außerdem fängt er auf sehr stimmige Weise die schroffe, unwirtliche und doch mit einer schönen, rauen Ästhetik gesegnete schottische Natur ein, gibt der Isolation ein natürliches Gesicht. Ein spannungsgeladener, mit Zirkusklängen versetzter Soundtrack von Jerry Goldsmith begleitet das Geschehen und unterstützt es im einen Moment, um es im nächsten zu konterkarieren und den Kontrast zum eingangs beschriebenen Affenbild herauszuarbeiten. Die Schauspieler machen ihren Job passabel, wobei man den Professor etwas überzeichnen musste, um auch nach seinem Verschwinden aus der Handlung noch im Zuschauergedächtnis präsent zu bleiben. Die Rolle der Jane (die Namensgleichheit mit dem weiblichen Gegenpart zu Tarzan dem Affenmenschen wird bewusst gewählt worden sein) bleibt im netten, verantwortungsvollen, moralischen Mädchen von nebenan verwurzelt, Schlüpfrigkeit und/oder Nacktheit mutete man ihr nicht zu, eine sexuelle Ebene zwischen ihr und den Affen bleibt höchstens angedeutet. Die eigentlichen Stars des Films sind aber die Affen, die von niemand Geringerem als von Ray Berwick dressiert wurden, der bereits für „Die Vögel“ mit Hitchcock zusammenarbeitete. Franklin versteht es wunderbar, Link und Co. bedrohlich in Szene zu setzen und unwohlige Momente zu erzeugen, die nachhaltig Respekt vor den Tieren einflößen dürften.

Bei allen Qualitäten des Films bleiben jedoch auch eine Menge Fragen offen, die auf ein hastig umgeschriebenes Drehbuch oder einen holperigen Schnitt in der Nachproduktion hindeuten: In welchem Zusammenhang steht der Prolog zum Rest des Films? Was hat es mit den kurz erwähnten, doch neugierig machenden Experimenten mit Gedankenübertragung auf sich? Sind diese dafür verantwortlich, dass Link von seiner geplanten Einschläferung wusste oder reichte dafür sein tierischer Instinkt aus? Warum geht man nicht näher auf die Forschungsgegenstände Dr. Philips ein? Wo sind die auf dem Familienfoto erkennbare Frau und der Sohn Dr. Philips? Und woher weiß Jane im Finale plötzlich ganz gewiss, dass Dr. Philips tot ist? Trotz all dieser Ungereimtheiten ein guter, spannender Tierhorrorfilm mit Niveau.

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