Review

Da hat man sich The Homesman im Rahmen der hannoverschen Preview vor Augen führen lassen und ist schlußendlich beim Verfolgen des Abspannes nur noch verwirrt: War dies wieder einmal einer dieser als Spät-Western deklarierten Schicksalsdramen, also ein erneuter filmischer Abgesang auf den ohnehin verblichenen Mythos der Frontier und damit ein ambitioniertes Byebye Wild West oder etwas ganz andres, und wenn ja, was denn? Auf diese Fragen eine Antwort zu finden ist schwierig, weil... je nun.

Zum einen ist da das cineastische Frontschwein Tommy Lee Jones (Men in Black, Im Tal von Elah, Lincoln), hier in der Rolle des ungewaschenen, nicht allein von Altersspuren gezeichneten und zerknitterten Tagediebes George Briggs zu besichtigen und nebenbei in multipler Funktion als Co-Writer, Produzent, Hauptdarsteller und Regisseur tätig. Ihm zur Seite steht u.a. die herbe Charakter-Mime Hilary Swank (Boys Don't Cry, Million Dollar Baby, Betty Anne Waters), mit der er sich über knapp zwei Drittel Filmlänge ein nicht nur verbal beeindruckendes Duell liefert. Diese zwei Protagonisten werden von einem semiprominenten Cast unterstützt, welcher sich nahtlos in die insgesamt überdurchschnittlichen Darstellerleistungen einfügt.

Es kommt noch besser, denn es gibt überaus solides Handwerk zu bewundern wie fein austarierte Lichtbalancen, prächtig gegen den weiten Horizont der Prärie Nebraskas fotografierte Totalen sowie eine insgesamt angenehm unaufgeregte Kameraführung. Die Storyline selbst überrascht nach zähem Beginn mit diversen Twists, komödiantischen Einsprengseln und dramaturgischen Wendungen; auch ist die Figuren-Konstellation (Frau/Mann-Gespann transportiert drei weibliche Psycho-Opfer nach Osten) ungewöhnlich und bildet ein erfrischendes Element innerhalb des Genres. Welches Genres eigentlich?

Und damit kehren wir zur eingangs formulierten Frage zurück: Um was für eine Art Filmwerk handelt es sich hier? Der Film läßt den Rezensenten ein Stück weit ratlos zurück, denn all die im positiven Sinne skizzierten Eigenschaften können nicht verbergen, dass The Homesman eine merkwürdige Unwucht anhaftet, die das Werk insgesamt in eine Aura von subjektivem Unbehagen tauchen. Traditionelle Erzählformen geraten dermaßen außer Bahn oder sogar an ihr Ende, dass selbst hie und da eingestreute surrealistische Elemente (wie die makabre Hotel-Episode) den insgesamt unausgegorenen Genre-Mix nicht zu retten vermögen. Sollte es indes die Absicht der Regie gewesen sein, auch wohlgesonnene Betrachter nachhaltig zu verstören, dann wiederum gebührt The Homesman mehr als die hier verliehene Wertung von äußerst knappen 6/10.

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