DOHEE – WEGLAUFEN KANN JEDER
(DOHEE-YA)
July Jung, Südkorea 2014
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Anspruchsvolles Kino aus Südkorea – und nein, damit ist nicht etwa ein weiteres ideenloses Leinwand-Gewäsch von every Festivals Darling Hong Sang-soo gemeint, sondern das deutlich wertvollere (obgleich ebenfalls in Cannes bejubelte) Spielfilmdebüt seiner Kollegin July Jung.
Die Polizeibeamtin Lee Young-nam, sie mag etwas über dreißig sein und hat bereits den mittleren Offiziersdienstgrad eines Senior Inspectors, tritt ihren Dienst in einem abgelegenen Fischerdorf im tiefsten Süden des Landes an, wo sie die Leitung der örtlichen Polizeistation übernimmt. Man mag nicht so recht glauben, dass jemand wie sie freiwillig in dieses lähmend öde und hässliche Nest kommt, in dem es mit einer Ausnahme keinen jungen Menschen gehalten hat, die verbliebenen Fischer ihre Arbeit so weit wie möglich auf ein paar (möglicherweise illegale) ausländische Hilfskräfte abwälzen und für die Frauen kaum Besseres zu tun ist, als die Netze zu flicken. Der einzige noch halbwegs junge und arbeitswillige Einwohner ist der kulturlose Park Yong-ha, der das Tun der ausländischen Fischer organisiert und bei seiner abscheulichen, zumeist stockbesoffen mit ihrem Lastenmotorrad umherbretternden Mutter wohnt – womit wir zwei Leute hätten, die einen weiteren guten Grund darstellen sollten, hier so schnell wie möglich das Weite zu suchen.
Immerhin kann Young-nam in ihrem Kaff aber Mineralwasser kaufen – das jedenfalls sagen leicht beleidigt ihre Vermieter, als sie ihre Wohnung bezieht und eine mitgebrachte Kiste davon ins Haus trägt. Was sie nicht wissen, ist allerdings, dass sich in Young-nams Flaschen gar kein Mineralwasser, sondern Soju befindet, den sie zur Tarnung umgefüllt hat und abends, wenn sie einsam in ihrer spartanisch eingerichteten Küche sitzt, wie Wasser trinkt. Ganz klar: Unsere Protagonistin hat ein Alkoholproblem.
Schon am Tag nach ihrem Dienstantritt bemerkt Young-nam, dass eine Schülerin von einigen Gleichaltrigen angegriffen wird und schreitet ein. Das etwa vierzehnjährige, schmutzige und verstörte Mädchen, dem sie aus der Patsche geholfen hat, stellt sich als Sun Do-hee vor. Young-nam gibt ihr für ähnliche Fälle eine dienstliche und eine private Handynummer und schickt sie zur Schule.
Als nach wenigen Tagen ihre Mineralwasserflaschen ausgetrunken sind, fährt Young-nam spätabends in einen etwas entfernten Supermarkt und kauft dort unter den verächtlichen Blicken des Kassierers Soju-Nachschub, den sie auf einem Parkplatz wieder umfüllt. Noch auf dem Heimweg muss sie Do-hee erneut aus der Patsche helfen: Das Mädchen wird vor dem schäbigen Haus der Familie von ihrem sturzbetrunkenen Vater Yong-ha verprügelt. Young-nam kann ihn dingfest machen, ruft Verstärkung und lässt ihn ins Polizeirevier bringen. Als er am nächsten Tag seinen Rausch ausgeschlafen hat, schickt man ihn nach Hause – Young-nams Kollege Uhm führt für ihn ins Feld, dass er nicht Do-hees leiblicher Vater ist, sie aber bei sich aufgenommen hat und zur Schule schickt und überdies als Organisator des örtlichen Arbeitslebens unentbehrlich ist. Die Warnung, die ihm Young-nam mit auf den Weg gibt, wird er nicht beachten.
Wenig später sieht Young-nam Do-hee während der Schulzeit in der Gegend herumstreunen, nimmt sie mit zu sich nach Hause und versorgt sie erst einmal mit einer ordentlichen Mahlzeit. Die Probleme des Mädchens sind damit freilich nicht aus der Welt geschafft – kaum hat sie Young-nams Haus verlassen und sich ein Stück weit entfernt, erscheint ihre Höllengroßmutter, um auf sie einzuprügeln und einzutreten.
Young-nam hat indes auch noch andere Sorgen. Was wir längst geahnt haben, bewahrheitet sich, als sie einen Termin bei ihrer vorgesetzten Dienststelle in Seoul wahrnimmt: Sie ist nicht freiwillig in den Süden des Landes gegangen, sondern wurde dorthin strafversetzt. Man teilt ihr mit, dass sie in einem Jahr zurückkehren könnte, falls es keine neuen Vorkommisse gibt. Was das für Vorkommnisse gewesen sein dürften, erfahren wir etwas später, als plötzlich eine junge Frau in der Polizeistation des Küstenkaffs aufkreuzt – es ist Young-nams Geliebte, die von ihr ohne Abschied in Seoul zurückgelassen wurde. Young-nam muss augenscheinlich die Konsequenzen fürchten, die ein offenes Bekenntnis zu ihrer Homosexualität nach sich ziehen würde, und so schickt sie die Freundin am Abend wieder fort. Just als sich die beiden zum Abschied noch einmal küssen, werden sie jedoch von Yong-ha gesehen, der zufällig vorbeigefahren kommt. Das wird Folgen haben.
Zunächst allerdings eskaliert in Yong-has Haushalt die Lage. Do-hee wird immer wieder von ihm und seiner grässlichen Mutter geschlagen, sobald die beiden etwas getrunken haben – und sie sind jeden Tag besoffen. Eines Abends sucht das Mädchen verzweifelt Zuflucht bei Young-nam und übernachtet bei dieser. Am nächsten Tag wird ihre Großmutter tot aufgefunden – sie ist nach Lage der Dinge in der tiefsten Nacht mit dem Lastenmotorrad unterwegs gewesen und dabei ins Meer gestürzt. Sternhagelvoll, wie sie wieder war, ist sie dort im flachen Uferwasser ertrunken.
Yong-has Stimmung wird davon natürlich nicht besser, und so steht Do-hee bald darauf wieder böse verprügelt und verängstigt vor Young-nams Tür. Daraufhin nimmt diese das Mädchen für die Dauer der gesamten Sommerferien bei sich auf. Für die psychisch bereits spürbar angeschlagene Do-hee ist diese Zeit, in der sie endlich einmal Zuneigung erfährt, ein Segen, während sich ihr Stiefvater zähneknirschend fügt.
Zu Beginn des neuen Schuljahres kleidet Young-nam Do-hee noch einmal frisch ein und schickt sie nach Hause. Am gleichen Tag ereignet sich im Hafen ein Zwischenfall: Yong-ha prügelt einen der ausländischen Arbeiter krankenhausreif. Young-nam lässt ihn daraufhin festnehmen und inhaftieren. Do-hee soll unterdessen wieder bei ihr übernachten, aber als die beiden beim Abendbrot in der Küche sitzen, klingelt es – und drei Polizeibeamte stehen vor der Tür, um Young-nam festzunehmen! Yong-ha hat nämlich zum Gegenschlag ausgeholt, Young-nams Homosexualität publik gemacht und sie beschuldigt, Do-hee missbraucht zu haben, als diese bei ihr gewohnt hat. Beim Verhör, das tags darauf in der vorgesetzten Dienststelle stattfindet, nimmt man die Vorwürfe sehr ernst und treibt Young-nam zunehmend in die Defensive. Nachdem parallel dazu Do-hee Aussagen gemacht hat, die ebenfalls im Sinne der Anschuldigung interpretiert werden können, landet Young-nam im Gefängnis.
Ein junger Polizist bringt Do-hee nach Hause und ist so nett, ihr für den Fall, dass sie Hilfe benötigt, seine Handynummer zu geben. Und ja, die Titelheldin, die möglicherweise schon abgeklärter gehandelt hat, als man ihr zutrauen konnte, wird von dieser Nummer Gebrauch machen, aber nicht im angedachten Sinn, sondern offensiv: Jetzt holt sie zum Gegenschlag aus ...
Applaus! Dohee-ya (hierzulande mit höchst entbehrlichem Titelanhang Dohee – Weglaufen kann jeder, international A Girl at My Door), das Spielfilmdebüt von July Jung (eigentlich Jung Joo-ri), an dessen Produktion übrigens auch der große Lee Chang-dong beteiligt war, ist eine ehrgeizige Arbeit und nimmt sich gleich mehrerer gerade in ihrer Heimat hoch brisanter Themen an – zuvorderst geht es um Alkoholismus, Homophobie und Kindesmisshandlung, aber auch generell reaktionäre patriarchalische Denkmuster sowie die Ausbeutung von Immigranten. Da ist so einiges faul im Staate Korea. Dabei geht July Jung, die auch das Skript verfasst hat, mit bemerkenswerter Ruhe vor und entwickelt ihre kritischen Betrachtungen über die unaufgeregt erzählte Geschichte zweier einsamer und vom Leben gebeutelter Menschen – hier die Polizistin, die ihre Sorgen allabendlich im Alkohol ertränkt, weil sie ihre berufliche Karriere wie auch ihre Beziehung am Umgang der Gesellschaft mit ihrer Homosexualität scheitern sehen muss, und dort die Vierzehnjährige, die dem Terror ihres Stiefvaters und ihrer Großmutter ausgesetzt ist, seit sich ihre leibliche Mutter ein für alle Male aus dem Staub gemacht hat. Mit ihrem jeweiligen Hintergrund sind Young-nam und Do-hee freilich keine unkomplizierten Zeitgenossinnen, und so benötigt ihre Annäherung eine gewisse Zeit. July Jung gibt ihnen diese Zeit, weshalb Dohee-ya sehr wohl etwas Geduld vom Betrachter einfordert. Ein gemessenes Tempo ist in diesem Fall freilich keineswegs gleichbedeutend mit langweilig – im Gegenteil: Der Streifen wird von Minute zu Minute spannender, denn die Lage spitzt sich durch die Figur des ebenso primitiven wie unverbesserlichen Chauvinisten, Säufers und Kinderschlägers Yong-ha, der Young-nams unerschrockenes Auftreten nur als Provokation empfinden kann, unaufhaltsam und bis an den Rand einer Katastrophe zu. Einvernehmlich lässt sich hier bald nichts mehr klären.
Dass es ausgerechnet Do-hee ist, die am Ende eiskalt und sogar mit beträchtlicher Arglist die Weichen stellt, gerät indes zur veritablen Überraschung – zumal July Jung zu ihrer wirklich garstigen und moralisch nicht ganz blütenreinen Lösung steht und es bei ihr belässt. (Noch einmal akute Spoilerwarnung bis zum Absatz): Do-hee wählt nachts die Nummer des erwähnten jungen Polizisten, lässt das Handy eingeschaltet liegen und spielt quasi telefonisch vor, dass Yong-ha sie vergewaltigen will. Bevor der in seinem Suff bemerkt, was eigentlich los ist, wird er auch schon von der schnell eintreffenden Polizei verhaftet. Im Verhör bestätigt Do-hee am kommenden Tag den Missbrauchsversuch – Yong-ha ist geliefert. July Jungs Arbeit lässt sich nunmehr aber auch als Rachedrama lesen, bis hin zur Frage, ob der Tod von Yong-has Mutter im Rückblick noch einmal etwas näher betrachtet werden muss. Die schnell wieder auf freien Fuß gesetzte Polizistin ahnt in dieser Sache etwas, aber sie hakt nicht mehr lange nach. Als die Abenddämmerung hereinbricht, verlassen Young-nam und Do-hee gemeinsam das Fischerdorf und fahren einer ungewissen Zukunft entgegen. Es regnet.
Ein Vergnügen im landläufigen Sinn ist Dohee-ya bei alledem natürlich nicht – der Streifen kommt keineswegs bleiern daher, verwehrt sich aber jedem Anflug von Humor und beinhaltet eine ganze Reihe unangenehmer und beklemmender Szenen. Wenn auf Do-hee oder den ausländischen Hilfsarbeiter eingeprügelt wird oder die Beamten Young-nam im Verhör schon als Schuldige betrachten, dann möchte man das wirklich nicht erleben. Zudem zerren die ständigen Fluchtiraden Yong-has an den Nerven, denn in dieser Form ist die koreanische Sprache fürwahr kein Genuss (eine deutsche Synchronisation, Überraschung, gibt es für diesen Film wieder einmal nicht). Letztlich liegt hierin vielleicht das größte Problem des Streifens: Während das Skript Do-hee und Young-nam außerordentlich subtil behandelt, sind Yong-ha und seine Horrormutter krass überzeichnete Figuren – das wirkt mitunter einfach zu forciert.
Visuell gibt sich Dohee-ya unauffällig: Die im normalen 1.85:1-Format eingefangenen Aufnahmen des Streifens ordnen sich der Geschichte unter und bleiben durchweg nüchtern. July Jung ist in erster Linie an ihren Figuren interessiert, weshalb man hier weit eher Close-ups sieht als eindrückliche Bilder oder gar extravagante Stilmittel (gefühlt besteht in der Tat gut ein Drittel des Films aus Close-ups). Etwas wirklich Einfangenswertes ist in dem Nest, das hier als Schauplatz dient, allerdings auch nicht zu finden.
Großartig sind hingegen die Darstellerleistungen von Bae Doo-na als Young-nam und Kim Sae-ron als Do-hee. Bae Doo-na (unter anderem die Korea-Klassiker The Host und Sympathy for Mr. Vengeance, Bong Joon-hos Debüt Barking Dogs Never Bite und der erfolgreiche Katastrophenthriller Tunnel, in Japan Air Doll und Broker mit Hirokazu Koreeda, in Hollywood Cloud Atlas und Jupiter Ascending mit den Wachowskis sowie diverse TV-Serien) ist natürlich immer ein Fest – hier spielt sie in der Hauptrolle extrem zurückgenommen und gibt ihre Polizistin mitunter fast abwesend, was aber ausgezeichnet funktioniert: Ohne an ihrer Stärke zu zweifeln, merkt man Young-nam immer wieder an, wie erschöpft sie bereits davon ist, sich gegen das Gewicht ihrer Probleme zu stemmen. Eine wunderbare Vorstellung. Auch die beim Dreh vierzehnjährige Kim Sae-ron überzeugt als Titelheldin Do-hee auf der ganzen Linie, aber sie war freilich auch kein Neuling mehr: Schon mit neun spielte sie die Hauptrolle im hoch angesehenen Drama A Brand New Life, wofür sie sich sogar in Cannes feiern lassen durfte, und ein Jahr später trat sie neben Won Bin in Lee Jeong-beoms Klassiker The Man From Nowhere auf. Allem Anschein nach stand sie vor einer großen Karriere, aber das Schicksal wollte es anders. Im Mai 2022 verursachte sie unter Alkoholeinfluss einen Autounfall, bei dem sie neben ein paar Kleinigkeiten am Straßenrand auch einen Stromverteilerkasten beschädigte – wodurch gut fünfzig angeschlossene Geschäfte drei Stunden lang ohne Strom blieben. Damit kam es knüppeldick: Unabhängig von der Entschädigung der betroffenen Händler verhängte das mit dem Fall befasste Gericht eine Geldstrafe von umgerechnet knapp 14.000 US-Dollar, und schließlich wurden auch noch insgesamt gut 480.000 US-Dollar Anwaltsgebühren und Vertragsauflösungszahlungen an ihre Agentur fällig, die nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten wollte. Das wollte niemand mehr – Filmrollen wurden gestrichen und bereits mit ihr gedrehte Szenen der TV-Serie Bloodhounds so weit wie möglich aus deren Endfassung entfernt. Kim Sae-ron bewarb sich unter falschem Namen für Hilfsjobs, aber ihren Schuldenberg konnte sie nur unwesentlich verkleinern. Zudem sah sie sich immer wieder heftigen öffentlichen Anfeindungen ausgesetzt. Am 16. Februar 2025 wurde Kim Sae-ron tot in ihrer Wohnung aufgefunden – die Polizei musste von Suizid ausgehen.
Bezeichnenderweise spiegeln sich in dieser entsetzlichen und traurigen Geschichte einige der in July Jungs Film angesprochenen Probleme wider – konkret der Einfluss, den Alkohol auf das Leben im Land der Morgenstille hat (Suff ist dort schon fast ein kultureller Aspekt), und die brutale Ausgrenzung mit „Makeln“ behafteter Menschen in der südkoreanischen Gesellschaft, ganz besonders dann, wenn es sich bei ihnen um Frauen handelt.
Zurück zu den Darstellern: Song Sae-byeok (Mother, Sector 7, Special Delivery sowie mit Bae Doo-na auch Broker und das Segment „Happy Birthday“ von Doomsday Book) hat es als Yong-ha schon rollenbedingt äußerst schwer, die Gunst der Zuschauer zu gewinnen, spielt aber nicht anders, als von ihm erwartet wurde, und in der Rolle des vergleichsweise angenehmen Officers Uhm ist schließlich noch der erfahrene Son Jong-hak (Thirst, Pieta, Confession of Murder, Inside Men, Project Wolf Hunting) zu erwähnen, der sich selbstredend keine Blöße gibt.
Für den Score war zu guter Letzt mit Jang Young-gyu (Bittersweet Life, Sympathy For Mr. Vengeance, Train to Busan, The Wailing, The Good, the Bad, the Weird, Alienoid, Don’t Buy the Seller, The Yellow Sea und mehr) ein ganz Großer seines Fachs verantwortlich. Viel hatte er indes nicht zu tun – seine Musik meldet sich nur wenige Male sehr kurz mit leisen Gitarren- und Pianotönen, die sich nur schüchtern und andeutungsweise zu Melodien formen. Immerhin: Es gibt diesen Score, womit sich July Jungs Arbeit ein Stück weit vom Hardcore-Arthaus-Kino abgrenzt.
So bleibt ein hoch ambitioniertes, tadellos in Szene gesetztes, ruhiges, behutsam erzähltes, wohltuend unprätentiöses und bewegendes Sozialdrama, das einen wachen Blick auf die südkoreanische Gesellschaft und einige ihrer wunden Punkte wirft – wobei es phasenweise allerdings ziemlich ungemütlich wird. Dennoch lohnt es sich unbedingt, hier dabei zu sein: Wer nicht nur etwas Zerstreuung oder das oberflächliche Spektakel sucht, findet in Dohee-ya großes Korea-Kino, das lange über seinen wunderbar stillen Ausklang hinaus nachwirkt.
(03/23)
8.5 von 10 Punkten.