kurz angerissen*
Nur 75 Minuten Laufzeit, aber gequatscht wird mehr als in jedem Drei-Stunden-Gangster-Epos gefüllt mit gestikulierenden Mafiosi. Noch während die Hauptfigur im Off-Kommentar ohne Punkt und Komma ihre obszöne Straßenphilosophie abfeuert, quatscht sie sich selbst live im Bild dazwischen, wird von ebenso geselligen Quarktaschen unterbrochen, kontert wieder und animiert den Off-Kommentar dazu, das Ganze folglich wieder zu kommentieren. Die Maximen des Kommunikationswissenschaftlers Grice werden regelrecht mit Füßen getreten, hoch lebe das Zeitalter ungefilterter Informationsflut. Es findet offenbar nicht nur im Internet statt, sondern auch in den dreckigen Seitenstraßen von Paris.
Abgeleitet ist all das natürlich von Referenzen wie "Lock, Stock & Two Smoking Barrels" oder "Pusher". Einen so einfachen Plot wie das Wiederbeschaffen eines fünfstelligen Geldbetrags dermaßen zu zerreden, mit epileptischen Schnitten zu segmentieren und pulsierendem Krach zu betäuben, wird gerne mal als Kunst für sich missverstanden, so auch hier.
Wenn allerdings sogar die eingeblendeten Handy-Displays aus dem vergangenen Jahrzehnt stammen, wird deutlich, wie irrelevant und abgedroschen die Instrumente sind, derer sich Jean-Luc Herbulot bedient. Gangsterbosse blumige Metaphern schwingen zu lassen, hat per se schon etwas Nachäffendes an sich, dann aber auch noch mit der Konsistenz eines französischen Gebäckstücks anzukommen, lässt sogar ganz konkret darauf schließen, dass man sich zur Vorbereitung für das Drehbuch die Apfelstrudel-Szene aus "Inglourious Basterds" angesehen hat.
Folgerichtig versucht "Dealer" dann auch mehr durch explizite Grausamkeiten zu punkten, setzt harte, schnelle Folter- und Geiselszenen ein, um Verzweiflung und Entschlossenheit innerhalb des Milieus darzustellen, verwendet Sex und Gewalt nicht zuletzt auch selbstzweckhaft, um zu beeindrucken. Hauptdarsteller Dan Bronchinson kämpft sich wie ein Chev Chelios mit tickender Armbanduhr durch diesen Dschungel aus Waffen, Koks und Geld, dauerhaft betäubt vom inhaltslosen Gequassel seiner Interaktionspartner und von sich selbst. Welche Wege er nun genau im Rennen gegen die Zeit nimmt, lässt sich wegen der ruhelosen Wackelkamera schwer sagen; fest steht nur, der Weg wurde bereits oft gerannt. Und selten kam etwas Vernünftiges dabei heraus.
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