William Castle, der eigentlich William Schloss hieß, erfuhr zuletzt eine Wiederaufstehung durch das Produktionsstudio “Dark Castle”. Das zog und zieht sich an Remakes seiner Werke auf, um im Sinne des 50er/60er-Jahre-Entertainers wieder gepflegten Horror-Grusel in die Lichtspielhäuser zu bringen - ganz ohne jeglichen Firlefanz. Durch schwache Regisseure wie Steve Beck mag das nicht immer so ganz gelungen sein, aber die Grundidee hat etwas Herzerfrischendes an sich. Die zwanglose Art, sich auf nichts weiter zu konzentrieren als darauf, das Publikum zu unterhalten, findet jedenfalls Anklang, denn auch wenn oft gemeckert wird über die Dark Castle-Filme, geguckt werden sie ja doch.
Nach einem ähnlichen Konzept verfuhr wohl auch das Original. William Castle zog quasi aus, um die Amerikaner das Fürchten zu lehren. 1937, etwa mit 23 Jahren, machte er den Schritt nach Hollywood - und schaffte es zwischen 1943 und 1974 auf eine beachtliche Anzahl von 59 Filmen. Sein Vermächtnis in Form einer Autobiografie kurz vor seinem Tod lautete sinngemäß: “Step Right Up! I’m Gonna Scare The Pants Right Off America”.
“Er kam nur nachts” war einer der letzten Filme des selbsternannten Grusel-Entertainers und gleichzeitig der letzte große Auftritt von Barbara Stanwyck. Nach diesem Film zog sie sich in die TV-Serien-Landschaft zurück (“Die Dornenvögel”, “Die Colbys”); zuvor war sie in Dutzenden von verschiedenen Rollen zu sehen gewesen; vom Hafenmädchen in einer Liebesgeschichte (“Luxusfrauen”, 1930) bis zur Tochter eines Eisenbahningenieurs in einem Western (“Die Frau gehört mir”, 1939). Sie und ihren Filmpartner Robert Taylor verbindet sogar eine gemeinsame Vergangenheit: Zwischen 1939 und 1952 waren sie miteinander verheiratet, bevor sie zwölf Jahre später gemeinsam für William Castle vor der Kamera standen.
Das ist insofern interessant, als dass “Er kam nur nachts” mit der Psychologie einer Frau spielt, die sich zwischen Betrug und Ehe-Loyalität wähnt und in diesem zwielichtigen Szenario einen Alptraum erlebt. Für eine wirklich adäquate Analyse bedürfte es jedoch eines deutlich ernstvolleren Regisseurs. William Castles Motto, Amerika einen gehörigen Schrecken zu versetzen, steht auch am Ende noch aufrecht im Wind. Deswegen kann niemand eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Psychologie erwarten; vordergründige Schocks und Effekte sind es, die höchste Priorität genießen.
Es drängt sich der Vergleich mit Hitchcocks “Spellbound” auf, denn dort gab es eine inhaltlich ähnlich dilettantische, dafür optisch jedoch umso beeindruckendere psychoanalytische Schiene zu sehen. Wenn auch Castles Antrieb weniger surrealistisch ist; unwirklich ist das Szenario doch - und selbst für heutige Verhältnisse noch verdammt gruselig.
Dazu trägt in erster Linie Barbara Stanwycks blinder Filmehemann (Hayden Rorke) bei, dessen äußere Erscheinung schon als Lebender deutlich auf Zuschauerekel angelegt ist. Die glasigen, toten Augen sind in ihrer Selbstzweckhaftigkeit schnell zu entlarven, denn einen Blinden hätte man deutlich subtiler darstellen können. Doch darum ging es nicht: Die Figur des Howard Trent sollte von Beginn an abstoßend wirken, um so die Identifikation mit Barbara Stanwyck zu erleichtern, die ja immerhin zwischen zwei Stühlen steht, und das in einer anno ‘64 stark angreifbaren Position - um sich mit einer Ehefrau zu identifizieren, die ihren Mann im Traum oder in der Realität betrügt, bedarf es schon eines guten Grundes dafür.
Mit dem pyrotechnisch aufwändigen Ende des Howard Trent tendiert der Film dann doch zum Surrealen und versucht, Traum und Wirklichkeit miteinander zu verschmelzen - im Gegensatz zu Hitchcocks “Spellbound” jedoch nicht durch visuell gekennzeichnete Traumsequenzen à la Salvador Dali, sondern durch die unwirkliche Szenenkonstruktion, die dem Zuschauer nur selten offenbart, wann er die Realität sieht und wann nicht. Wenn ausgewählte Szenen dann plötzlich zum Horror umschlagen, dann ist das selbst aus heutiger Sicht noch überaus sehenswert. Der ohnehin furchteinflößende Trent wird als Geist mit verbranntem Gesicht und den weiterhin starrenden Glasaugen umso gruseliger, die (wenn auch als solche zu erkennenden) Nebelmaschinen pumpen die Settings mit Atmosphäre in Nebelform auf. Und im Filmhighlight, der geisterhaften Heirat in der Kirche, beweist Castle, warum er sich mit Recht einen Gruselmeister schimpft. Schon die Ausstattung alleine mit dem sich drehenden Kerzenleuchter und den Wachsfiguren als Trauzeugen fördert das Unbehagen, aber die schnelle, sich wiederholende Schnittweise verdreifacht den Effekt; schließlich könnte in diesem Schnittewahn jederzeit plötzlich eine der Wachsfiguren lebendig werden und mit ihren glatten, profillosen Händen nach Mrs. Trent greifen.
Der B-Movie-Charakter kristallisiert sich immer dann heraus, wenn ein Klimax erfolgt. Die Musik schwillt in schier unerträglicher Übertreibung an, mit ihrer Artikulationsweise würde Barbara Stanwyck heute den Titel “Scream Queen of the Year” spielend gewinnen und entscheidende Szenen werden so offensichtlich betont, dass es schon weh tut. Das gilt auch für den Plottwist, der in seiner Laufbahn stets nachzuverfolgen und damit zu erwarten war; wenn das große Geheimnis aber gelüftet wird, dann tut die Inszenierung mit ihrer erklärenden Art so, als sei das etwas derart Brillantes, dass man noch jedes Detail erläutern muss, damit der Zuschauer die ganze Pracht dieses Storykniffes in seiner vollen Größe versteht.
Damit ist “Er kam nur nachts” noch ein typischer Castle geworden, eines dieser Machwerke, die man einfach nur liebgewinnen kann. Denn sie sind in ihrer inszenatorischen Art und Weise drollig naiv, unterhalten verdammt gut und haben ihren B-Charakter zu Recht weg, aber verblüffenderweise funktionieren sie auch. Der gezeigte Horror ist grotesk, wenn halt auch nicht subtil, sondern brachial. Psychologischen Unterbau darf man daher, auch wenn es in der Thematik mitschwingt, nicht erwarten - vielmehr ein Gruselfest für Nostalgiker, die es lieber pur haben.
8/10 - aus B-Movie-Sicht.