Oliver Stones Klassiker „Wall Street" gehört sicherlich zu den zugänglichsten Werken seiner Karriere und für mich ist der Film auch heute noch absolut sehenswert. Und wenn die 80er- Jahre-Kulissen den Streifen heute etwas altbacken aussehen lassen - ich meine damit nicht nur Daryl Hannahs Frisur oder die grünstichigen Computerbildschirme -, an Brisanz hat der verfilmte Stoff wohl kaum verloren.
Michael Douglas in der Rolle des arroganten Finanzimperators Gordon Gekko war natürlich ein absoluter Glücksgriff. Neben seiner Glanzrolle als leicht gestresstes Stauopfer in „Falling Down" spielt Douglas hier die Rolle seines Lebens. Charlie Sheen als Bud hat da schon irgendwie schlechte Karten, Schritt zu halten, einerseits spielt er seine Rolle des biederen Maklers anfänglich souverän, doch ist die langsame Wandlung in Gekko der II. etwas zu harmlos ausgefallen, die bösartige Geldgier steht ihm jedenfalls nicht ins Gesicht geschrieben. Und in dem Konflikt mit seinem Vater als Gewerkschaftsboss offenbart sich dann auch, dass Bud dann doch nicht so aalglatt ist wie man meint, wobei allerdings offen bleibt, ob ihm Gekkos Zerschlagungspläne der Fluglinie Bluestar nur wegen seines Vaters gegen den Strich gingen.
Dass Oliver Stone bei seinem Börsen-Thriller angeblich die Schere ansetzen musste und den Film kürzte, ist schon etwas verwunderlich, gehen doch etliche seiner Filme deutlich mehr als zwei Stunden. So mussten einige Nebenstränge dran glauben, wie auch die Intensität der Beziehung zwischen Bud und Darian. Ob Daryl Hannah dadurch vor der Goldenen Himbeere gerettet worden wäre, weiß ich zwar nicht, aber ich habe ihre Schauspielerei nicht so schlecht empfunden wie bei anderen Empfängern dieser zweifelhaften Auszeichnung.
Was mir besonders im Gedächtnis haften bleibt, sind die legendären Aphorismen vom Schlage eines „Wenn du einen Freund haben willst, kauf dir einen Hund" (Ein Rat von Gekko an Bud). Genau so genial wie wahrhaftig ist die Entgegnung des konservativen Brokers Lou - Hal Holbrook übrigens in einer tollen Nebenrolle - auf einen "sicheren" Tipp von Bud: „Es gibt keine Sachen, die sicher sind, ausgenommen der Tod und die Steuer."
Perfekt lässt Stone den Film auf einen dramatischen Schlusspunkt zulaufen, als Bud ihm mit einem Konkurrenzaufkäufer für Bluestar die Tour vermasselt. Das hier angewandte Schema erinnert zwar frappierend an den Film „Die Glücksritter", macht aber als Zuschauer mindestens genau soviel Spaß. Am Ende steht aber nicht nur Gekko als finanzieller Verlierer da, auf Bud wartet in seinem Büro schon die Börsenaufsichtsbehörde nebst Polizei, wortlos und mit Tränen im Gesicht wird er vor seinen Kollegen abgeführt und auch der Zuschauer hat irgendwie einen Kloß im Hals. Doch den besten Gag hat sich Stone noch für den Schluss aufgehoben, denn Gekko zeigt bei einem letzten Treff mit Bud, dass er ziemlich leicht zu bluffen ist, das passt zwar nicht ganz zu seinem sonstigen zur Schau gestellten Scharfsinn, lässt aber den Zuschauer noch einmal aufatmen. Gott sei Dank, es gibt doch noch Gerechtigkeit, und wir sind ja auch in Hollywood...
Fazit: Auch wenn Oliver Stone mit seinem Thriller ausgetretene Pfade benutzt und auch ein Hauch von Klischeebildern mittransportiert, das schmälert nicht den großartigen Unterhaltungswert des Streifens, der nicht nur spannend geraten ist, sondern auch einen interessanten Einblick in die Börsenwelt zu Beginn der New Economy-Ära gibt. Wer dazu noch Michael Douglas in einer seiner besten Rollen sehen will, sollte unbedingt reinschauen.