Review

Alle, die ihr noch in Bitterkeit den Gang ins Kino scheut, laßt euch sagen: hiermit ist die Enttäuschung "Hannibal" vergessen, die Lämmer-Fans dürfen aufatmen.
Brett Ratners "Roter Drache" ist ein Thriller in bester "Silence of..."-Tradition, so nah dran, daß sich darauf schon wieder die Kritiker stürzen wollen, aber keine selbstverliebte, dramaturgisch verquaste Überinszenierung wie Ridley Scotts Film.

Roter Drache ist ein schnörkelloser Thriller geworden, der nur eins will: gut zu "Das Schweigen der Lämmer" passen.
Regisseur Ratner meisterliches Talent zu bestätigen, wäre dann wohl doch etwas zu viel verlangt, da gräbt dieser noch zu sehr im seichten Action-Terrain von "Rush Hour" und seiner Fortsetzung, doch eins kann Ratner: perfekt kopieren.

Damit ist jetzt keine schnöde Abkupferung gemeint, doch das erklärte Ziel war ja, den Look und Inszenierungsstil von Demmes Klassiker wieder einzufangen. Also ward der Zellenblock von 1991 flugs instandgesetzt, Dr.Chilton und Barney wieder engagiert (mitsamt den alten Schauspielern) und los geht der Spaß.
Und ja, Ratner schafft eine sehr vertraut wirkende Atmosphäre, die den informierten Zuschauer eigentlich nur freuen kann.

Auch das Drehbuch lag in bewährten Händen (ebenso die Kamera), nämlich in denen von Ted Tally, der sich für den Vorläufer Golden Oscar mit nach Hause nehmen durfte, weswegen der Style vorgegeben war.
Eine zweite Auszeichnung steht allerdings nicht zu befürchten, denn so schnörkellos die Drachenstory vor unseren Augen vorbei zieht, so schnell runtergerissen muß Tally sie auch haben. Besondere Einfälle sind jedenfalls Mangelware in dieser schon fast sklavisch an Thomas Harris' Vorlage klebendem Skript.

Ausnahmen sind natürlich der Prolog, der uns endlich zeigt, wie Special Agent Will Graham den Doktor entlarvte und unter vollem Körpereinsatz (das ist wörtlich zu nehmen) überwältigte. Neben leichten Veränderungen beim Showdown und einem fast schon obligatorischen Schlußgag, der auf "Das Schweigen..." verweist, entfielen die meisten Veränderungen auf verstärkte Frequentierungen beim Kannibalen.
Diese fielen im Buch karger aus, wurden hier natürlich erwartungsgemäß verstärkt, da Hopkins an erster Besetzungsstelle natürlich die Leute ins Kino ziehen soll.
Leider merkt man den (einprägsamen und beeindruckenden) Auftritten dramatisch leider an, dass er außer Wirkung bei dem Fall nicht mehr beitragen kann, weil so hyperkompliziert gestrickt ist der Täter auch nicht. Hopkins redet viel, doch Substanz konnte ihm Tally nicht mit auf den Weg geben, weswegen man auf die Zusatzauftritte auch hätte verzichten können, da die Story den Film auch so trägt. Wer allerdings den Roman bereits kennt, wird kaum Überraschungen erleben, die "Manhunter"-Kenner ebenfalls kaum.

Ansonsten gibt es leider keine filmischen Kniffe und Überraschungen, wie das Duell im Dunkel oder die berühmte Irritation mit der zweifach gleichzeitig aufgesuchten Haustür, dazu ist Ratner zu straight.

Dennoch rappelt es kräftig in der Kiste, auch wenn nicht so viel Blut fließt, geht es doch bisweilen recht heftig zur Sache, vor allem gleich im Prolog und dann per Foto oder Flashback. Selbstzweckhafter Gore, wie bei "Hannibal" erwartet hier aber niemanden.

Hopkins, wie bereits erwähnt, ist wie üblich eindrucksvoll in seiner Lieblingsrolle, da kann leider Edward Norton als Graham nicht ganz mithalten. Trotz anhaltender Sympathie kann er die tiefen seelischen Narben des Agenten nie voll ausspielen und auch seine Ängste kommen nicht so zur Geltung, wie es nach Fosters Vorstellung gewünscht gewesen wäre.
Die Show stiehlt ihm dagegen Ralph Fiennes, der als psychopathischer Dolarhyde alias Roter Drache eine dermaßen beängstigende Darstellung hinlegt, daß uns Angst und Bange werden kann. Wie sehr es in dieser Person brodelt, kann man förmlich in seinen Augen sehen und die mühsam aufrechtgehaltene Beherrschung kommt auch ohne grauenhafte Bilder aus. Wenn schon Oscar, dann hier ihm.
Ein schöner Supportcast mit Harvey Keitel, Emily Watson, Mary Louise Parker und dem immer hervorragenden Philip Seymour Hoffman runden das Bild ab.

Bleibt nur die Frage, wie die Zuschauer den Film aufnehmen werden, da "Hannibal" so manchen abgeschreckt haben dürfte. Auch wird sicherlich das Gerücht vom optischen Abklatsch die Runde machen, doch das wäre sicherlich ein wenig zu hart mit dem Film ins Gericht gegangen. Auch Jonathan Demme hat nicht fünffaches Oscar-Gold im Blick, als seine Produktion startete.

Ratners Film hat jedenfalls ausreichend Substanz, eine gute Geschichte, hervorragende Darsteller und einige einprägsame, erschreckende Bilder, allein fehlt der einsame Funken, der einen guten Thriller zum Klassiker entfacht. Trotzdem: Hochklassig in vielen Belangen! (8/10)

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