Der US-Schriftsteller Thomas Harris brachte es bisher nur auf fünf Romane, die dafür aber alle verfilmt wurden. Sein zweiter Roman "Roter Drache" erschien 1981 und wurde fünf Jahre später von Michael Mann unter dem Titel "Blutmond" verfilmt. Doch da bereits "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal" mit Anthony Hopkins (Auf Messers Schneide, Bad Company) als Dr. Hannibal Lecter verfilmt wurden, entschied man sich kurzerhand für ein Remake, denn in "Blutmond" verkörperte Brian Cox den Dr. Lecter, natürlich mehrere Klassen von Hopkins entfernt. Ted Tally, der schon das Screenplay zu "Das Schweigen der Lämmer" schrieb, verfasste das Drehbuch sehr nah an der Romanvorlage und sorgte auch dafür, dass Lecter wesentlich mehr Auftritte erhält, als im Original von 1986. Der vielseitige Regisseur Brett Ratner (Rush Hour, After the Sunset) setzte diese 90 Millionen Dollar Produktion gekonnt in die Tat, doch manchmal will der Funke nicht so recht überspringen.
Dem FBI-Agenten Will Graham (Edward Norton) ist es gelungen den mehrfachen Mörder Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) dingfest zu machen. Doch dafür bezahlte Will einen hohen Preis, neben einem fast tödlichen Messerstich kamen auch psychische Probleme hinzu. Mittlerweile hat er den Dienst quittiert, doch sein ehemaliger Vorgesetzter Jack Crawford (Harvey Keitel) bittet ihn bei einer kniffeligen Mordserie um Hilfe. Die sogenannte "Zahnfee" ermordet gleich ganze Familien, hinterlässt am Tatort jedoch keinerlei Spuren. Um ein Profil des Psychopaten anzufertigen bittet Will den lebenslänglich inhaftierten Dr. Lecter um Hilfe. Doch der hat andere Pläne und beginnt über eine Zeitung mit der Zahnfee zu kommunizieren. Dadurch geraten auch Wills Frau und Sohn in größte Gefahr.
Ob dieses Remake nötig gewesen wäre, oder lediglich dazu diente die Kinokassen ordentlich klingeln zu lassen, sei mal dahin gestellt. Aber es ging hier auch um die Präsenz von Anthony Hopkins, der in seiner Paraderolle als Dr. Hannibal Lecter brilliert und damit auch schon "Das Schweigen der Lämmer" und "Hannibal" ordentlich bereicherte. Ohne Hopkins würden die Filme heute nicht diesen Ruf genießen, weswegen man mit dem Remake näher an der Vorlage von Harris liegt und Lecter mehr Screentime einräumt. Gleich zu Beginn darf er von Will mehr durch Zufall überführt werden, natürlich gibt ein Hannibal Lecter nicht kampflos auf und setzt dem jungen FBI-Agenten Will übel zu. Der erholt sich zwar körperlich, doch auch seine Psyche ist angegriffen und somit verlässt Will das FBI, um später von Crawford reaktiviert zu werden. Im Grunde genommen ist das Remake auch eine Art Kopie von "Das Schweigen der Lämmer", denn wieder gilt es mit Lecters Hilfe einen Psychopaten ausfindig zu machen, der gleich ganze Familien ausrottet. Spuren gibt es nur wenige, daher müssen Will, Crawford und das FBI viel kombinieren, um der Zahnfee auf die Schliche zu kommen. Wir Zuschauer bekommen Francis Dolarhyde (Ralph Fiennes) schon sehr früh zu Gesicht. Und genau hier kommen wir zu einem kleinen Problem, denn "Roter Drache" kommt nicht ganz ohne kleine Längen aus. Das Aufzeigen der beginnenden Beziehung zwischen Francis und der blinden Reba McClane (Emily Watson) ist einerseits von Nöten, aber andererseits nicht optimal umgesetzt. Vielleicht widmet Ratner diesem Treiben auch zuviel Zeit, doch im Gegenzug muss er auch Francis ein gewisses Profil verpassen.
Es ist aber auch wirklich schwierig eine derartige Geschichte mit interessanten Charakteren so zu inszenieren, dass der Spannungsbogen darunter nicht leidet. Dank kleinerer Hänger resultieren auch Spannungsschwankungen, aber nie in dem Maß, dass man das Wort Langeweile laut aussprechen muss. Gerade die kniffeligen Ermittlungen von Will interessieren den Zuschauer, natürlich offenbare diese einige Überraschungen. Aber man kann erzählen was man will, "Roter Drache" hat seine stärksten Momente, wenn Hannibal Lecter im Bild ist. Der hilft Will zwar mit gewissen Informationen, scheint aber auch kleine Rachegedanken zu hegen und kommuniziert hinter Wills Rücken mit der Zahnfee. Dabei gibt er sogar die Adresse von Will preis, was gegen Ende noch zu einer Katastrophe führt. Ratner setzt "Roter Drache" besonders zum Ende hin sehr effektvoll um, mit diversen Brutalitäten haushaltet er sehr gut, diese kommen aber immer sehr plötzlich oft völlig unerwartet. Leider kann ich mich mit Edward Norton (Fight Club, Glauben ist Alles!) in der Rolle des FBI-Agenten Will Graham nicht so wirklich anfreunden, während Hopkins in seiner Rolle als Dr. Lecter nochmal richtig aufblüht. Ralph Fiennes (Tödliches Kommando, Der Vorleser) ist fast ebenso überzeugend als Psychopat, während mit Harvey Keitel, Philip Seymour Hoffmann und Emily Watson bis in die Nebenrollen sehr gut besetzt wurde.
"Roter Drache" gefällt mir persönlich besser als "Blutmond", größtenteils dank der erhöhten Präsenz von Dr. Lecter, hier verkörpert durch Anthony Hopkins. In den zwei Stunden Laufzeit sollte man kleinere Hänge einplanen, obwohl das Geschehen gleichzeitig fesselt. Aber gerade mit Norton als Ermittler komme ich nicht richtig überein und auch die Sequenzen mit Francis und der blinden Reba hätte man interessanter gestalten müssen. Dennoch reicht es für einen spannenden und teilweise harten Thriller, der von mir gute 7 Punkte bekommt.