Als "Manhunter" - Remake und gleichzeitig dritter, aber noch vor dem "Schweigen der Lämmer" spielender Thriller mit Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) liefert "Roter Drache" eine gelungene Vorstellung ab, auch wenn er wohl den schwächsten Film mit dem intellektuellen Kannibalen darstellt.
Die Story um die "Zahnfee" Francis Dolarhyde (Ralph Fiennes) lehnt sich stark an das Original an, lässt hier allerdings einen sehr intensiven Einblick in die kranke Psyche des Killers zu. Mit seinem Innenleben beschäftigen wir uns ungewöhnlich eingehend, womit "Roter Drache" einen seiner wesentlichen Pluspunkte sammelt. So abgrundtief böse uns Dolarhyde zunächst erscheint, als wir erfahren, wie brutal er eine Familie ausgelöscht hat, so empfinden wir später sogar Mitleid für diesen Mann, der sich scheinbar von einem imaginären Drachen kontrollieren lässt. Der innerliche Konflikt findet dann seinen Höhepunkt, als eine blinde Frau in sein Leben tritt. Dabei bietet Ralph Fiennes mit den vom Drehbuch geschenkten, großzügigen Freiheiten seiner Figur als "Zahnfee" die stärkste schauspielerische Leistung des Filmes und stellt selbst Anthony Hopkins in den Schatten.
Die Figur des Dr. Lecters bleibt gegenüber dem Handlungsstrang jedoch auch sehr passiv und kann sich diesmal kaum entfalten. Intelligente Dialoge zwischen ihm und Will Graham (Edward Norton) mit vielen sprachlichen Mitteln auf Seiten des Kannibalen bilden aber trotzdem noch einige Höhepunkte und erinnern sehr an das "Schweigen der Lämmer", obwohl Lecter hier mit Graham einem anderen Gegner gegenübersteht als der unerfahrenen Clarice Starling. Je nach Person mehr oder weniger störend ist in der deutschen Fassung noch die ungewöhnliche Synchronstimme des Kannibalen, die bei weitem nicht so ausdrucksstark ist wie die uns vertraute. Anthony Hopkins selbst kann mit seiner Darbietung wieder einmal überzeugen, auch wenn er hier einen anderen, aggressiveren Hannibal verkörpert als in den zwei anderen Lecter-Filmen. Nicht verwunderlich ist es daher, dass Regisseur Brett Ratner so oft wie möglich versucht, Hopkins’ diabolisches Grinsen einzufangen und in seiner Zelle mit Licht und Schatten zu spielen. Inszenatorisch ist das Ganze nicht schlecht, doch wirkt es durch das permanente Wiederholen und der Tatsache, dass optisch weiterhin nichts wirklich herausragen will, etwas ideenlos.
Die Wahl der Kulissen kommt uns hingegen zum Teil sehr entgegen. Hannibal sitzt im aus dem "Schweigen der Lämmer" bekannten Hochsicherheitstrakt, der uns vertraute Charaktere wie beispielsweise Dr. Chilton präsentiert und wir uns somit in gewohnter Umgebung sichtlich wohl fühlen können. Der Schlussgag wirkt vielleicht gerade deshalb umso sympathischer.
"Roter Drache" ist ein routinierter Thriller mit starkem Ende, der durch das Auftreten von Hannibal noch weiter an Reiz gewinnt, auch wenn dieser nur im Hintergrund verweilt. Immerhin erfahren wir hier aber die genauen Umstände für seinen Gefängnisaufenthalt. Lecter-Fans werden vielleicht enttäuscht sein, aber als eigenständiger Thriller und "Manhunter" - Remake funktioniert "Roter Drache" gerade mit seinem superben schauspielerischen Aufgebot ganz gut. (7+/10 Punkten)