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Im 22. „Tatort“ überhaupt ermittelte 1972 der Berliner Kommissar Kasulke (Paul Esser, „Immer dieser Michel“) zum zweiten und bereits letzten Mal. Ebenfalls zum zweiten Mal innerhalb der TV-Krimireihe dabei war der spätere Kultkommissar Schimanski: Götz George. Johannes Hendrichs Drehbuch verfilmte Regisseur Günter Gräwert („Der Röhm-Putsch“).

Der just aus dem Gefängnis entlassene Bernd Laschke (Jan Groth, „Perrak“) wird von den Mitgliedern seiner ehemaligen Bande gesucht, die fürchten, von ihm verraten zu werden, weil sie sich während seiner Haft nicht absprachegemäß verhielten. Dessen ist sich Laschek von Anfang an bewusst und möchte daher zusammen mit Ehefrau Herta (Carla Hagen, „Stella“) und Sohn Thomas (Angelo Kanseas) in die DDR nach Ost-Berlin übersiedeln, wo man auf einen verurteilten Verbrecher allerdings nicht gerade gewartet hat und ihn daher in den Westen der geteilten Stadt zurückschickt. Da Laschke auch seiner Familie nicht seinen Aufenthaltsort verrät, wendet sich seine Frau erst ans Meldeamt und schließlich an die Polizei, worauf Kommissar Kasulke sehr interessiert reagiert, hofft er doch, dadurch dem Rest der brutalen Diebes- und Erpresserbande auf die Schliche zu kommen. Als die Bande Laschkes Frau entführt, Schusswaffen ins Spiel kommen und Laschke vom Gejagten zum Jäger wird, eskaliert die Situation…

Die Verbindungen zwischen Laschke und seiner ehemaligen Bande, bestehend aus Jerry (Götz George) und dessen Freundin Petra (Ingrid van Bergen, „Grimms Märchen von lüsternen Pärchen“), „Frankenstein“ (Herbert Fux, „Hexen bis aufs Blut gequält“), Stocker (Ulli Kinalzik, „Das Stundenhotel von St. Pauli“) und Rudi (Klaus Sonnenschein, „Kassensturz“), erschließt sich dem Publikum erst nach und nach. Parallel werden zunächst die Aktivitäten beider „Parteien“ gezeigt, bis sich schließlich die Wege kreuzen. Zwar wird der skrupellose Überfall der Bande auf einen arglosen Toilettengänger gezeigt, einen Mordfall gibt es jedoch nicht. So liegt der Fokus dieses „Tatorts“ auch vornehmlich auf den Kriminellen, die Polizei um Kasulke und seinen Assistenten Roland (Gerhard Dressel, „Geld oder Leben“) findet lediglich am Rande statt. Unter Gräwerts Regie glänzt der Fall mit einem eitlen, überheblichen George als Bandenchef, Charakterfressen wie Fux und Groth, berlinerischem Tonfall satt und Lokal-/Zeitkolorit en masse, fiesen Scheiteln und grellen Klamotten. In einer Nebenrolle spielt Dieter Hallervorden („Das Millionenspiel“) gänzlich unklamaukig den Insassen Prickwitz, lakonischer Humor kommt nicht zu kurz und passend zu den Dieben hat man sich beim „Shaft“-Soundtrack bedient, die immer mal wieder ertönenden Funk-Klänge wurden also stibitzt.

Insbesondere für „Zeitreisende“ ist dieser „Tatort“ ergo eine verdammt lohnende Angelegenheit, doch auch die ihr Publikum durchaus fordernde Handlung hat es in sich, wenn es zu einem an Italo-Western gemahnenden Duell auf der Müllkippe kommt und Dressman Jerry innerlich wie äußerlich gebrochen wird. Man taucht ein ins Berliner Kleinkriminellen-Milieu, dessen Figuren mal exaltiert, mal bauernschlau, mal hemdsärmlig, aber auch trottelig agieren. Sie verrennen sich in einen eigentlich unnötigen Konflikt, der letztlich tödlich ausgeht, weil man die Spirale überdreht hat, aber auch, weil sich ein höherer Mafioso aktiv einschaltet, um dem Spuk ein Ende zu machen. Die Polizei bleibt Statist. Ein konsequenter, ziemlich unterhaltsamer „Tatort“, dessen Erzähltempo lediglich bisweilen etwas verwundert, denn bis man als Zusehender richtig drin ist, vergeht eine Weile, dennoch wird man vor spannenden und emotionalen Szenen auch weiterhin ab und zu ausgebremst. Dafür hält Gräwe stets fest alle Fäden in der Hand, führt zusammen, was zusammengeführt werden muss und lässt offen, was keiner weiteren Erklärung bedarf und sich Zuschauerinnen und Zuschauer selbst zusammenreimen dürfen.

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