Review

Zsofia Psotta spielt die pubertierende Lili, die eine Zeit lang bei ihrem Vater wohnen soll, weil die Mutter geschäftlich verreisen muss. Dieser ist schnell von ihrem Mischlingshund Hagen genervt und stellt sie schließlich vor die Wahl, ob dieser ins Tierheim gegeben oder an der nächsten Straßenecke ausgesetzt werden soll. Lili entscheidet sich für letzteres, versucht aber schon ab dem nächsten Tag, den geliebten Hund wiederzufinden. Sie ahnt nicht, was dieser währenddessen alles durchmacht.

Von den Kritikern gefeiert, wurde „Underdog“ vor allem auch als eine hintergründige Abrechnung mit der ungarischen Gesellschaft bzw. der Politik des osteuropäischen Landes gelobt. Und sicherlich lassen sich einige Parallelen zwischen dem Underdog, dem oft als wertlos betrachteten Mischling, und den Randgruppen in Ungarn herstellen, die unter dem repressiven Regime des Viktor Orban immer stärker zu leiden haben. Aus dieser Perspektive birgt besonders die an „Planet der Affen“ erinnernde finale Rebellion der Straßenhunde reichlich Zündstoff. Aber „Underdog“ ist zweifelsohne mehr als eine im doppelten Sinne bissige Parabel, es ist ein außergewöhnliches Drama, ein sehr ungeschliffenes Stück osteuropäisches Kino, das man gesehen haben muss, um es gänzlich zu erfassen.

Im Vordergrund des Films von Kornel Mundruczo, der bereits vor „Underdog“ quasi Dauergast in Cannes war, stehen zwei Geschichten, die eng miteinander verzahnt sind. Einmal geht es um die junge Lili, die ein eher distanziertes Verhältnis zu ihrem Vater hat, der von der Mutter getrennt lebt und offenkundig im Streit mit dieser auseinander gegangen ist. Sie trägt allerlei pubertäre Konflikte mit diesem aus, kommt im Laufe des Films erstmals mit härterem Alkohol in Kontakt, lehnt sich auch gegen den Musiklehrer und andere Autoritäten auf. Sie versucht ihren Hund zu finden, der ihr zunächst mehr am Herzen zu liegen scheint, als die menschlichen Bezugspersonen in ihrem Leben. Dieser führt indes zunächst ein tristes Dasein als Straßenhund, wird zum Kampfhund gezüchtet und landet schließlich im Tierheim, von wo aus er eine Art Revolte gegen die Menschen anzettelt und anführt. So außergewöhnlich diese Geschichte zunächst klingt, die Verbindung zwischen der Rebellion des Teenagers gegen Vater und Lehrer und der Hunde gegen die sie unterdrückenden Menschen wird gelungen und kunstvoll hergestellt.

Ein weiteres großes Plus des Films besteht im Einsatz echter Tiere. In einem Hollywoodfilm wären die zahlreichen Hunde wohl animiert worden, hier wurde dagegen auf echte (Straßen)Hunde zurückgegriffen, mit denen die Tiertrainer offenkundig ausgezeichnete Arbeit geleistet haben. So kommt es zu Szenen, die langfristig im Kopf bleiben und schon in der Eingangssequenz eine große Wucht erzeugen. Hier fährt Lili auf ihrem Fahrrad durch die leeren Straßen Budapests, verfolgt von über 100 Straßenhunden. Und auch die Szenen, in denen nur der Mischling Hagen zu sehen ist, machen deutlich, dass auch der beste Effekt nicht mit dem realen Tier mithalten kann. Mundruczo fängt diese Szenen jederzeit ausgezeichnet ein. In Anbetracht der Schwierigkeiten, die mit einem Dreh unter diesen Umständen, also mit dutzenden von Tieren, einhergehen, kann von einer fast makellosen Umsetzung gesprochen werden.

Narrativ überzeugt der Film dagegen nicht unbedingt auf ganzer Linie, stellenweise ist „Underdog“ etwas spröde und distanziert, mitunter auch umständlich erzählt, sodass es immer wieder zu dramaturgischen Hängern kommt. Zudem ist der Showdown etwas zu überzogen, hier hätte Mundruczo die blutige Revolte der Hunde vielleicht etwas weniger drastisch darstellen sollen, so verkommt sein Film dagegen ein wenig zum Tierhorrorfilm, was jedoch nicht heißen soll, dass das Finale auch aufgrund der tollen Bilder nicht sehr eindrucksvoll wäre. Übers Mittelmaß hinaus verhelfen „Underdog“ neben den tierischen aber auch die menschlichen Protagonisten. So leistet etwa die junge Zsofia Psotta ausgezeichnete Arbeit in der Rolle des resoluten Teenagers, während auch der übrige Cast durchweg zu überzeugen weiß.

Fazit:
„Underdog“ verbindet die Revolte ungarischer Straßenhunde mit den pubertären Konflikten eines Teenagers, enthält Anleihen eines Tierhorrorfilms und stellt gleichzeitig Bezüge zum unwürdigen Umgang einiger osteuropäischer Staaten mit ihren Randgruppen her. Was etwas konfus klingt wird zu einem stimmigen Drama verdichtet, das aufgrund seines Ideenreichtums und seiner unkonventionellen Geschichte definitiv sehenswert ist. Für einige Längen im Mittelteil und die umständliche Erzählweise entschädigen die guten Darsteller und die eindrucksvollen Aufnahmen, die mit dutzenden echten Straßenhunden realisiert wurden.

73 %

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