„Die Stadtbewohner können sich eben nicht in die Seele eines Jägers versetzen.“
1979 schickte sich der deutsche Filmemacher Werner Herzog („Aguirre, der Zorn Gottes“), Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ und damit den klassischen Dracula-Stoff in deutsch-französischer Koproduktion neu zu verfilmen. Jonathan Harker (Bruno Ganz, „Der Untergang“) wird von Graf Dracula (Klaus Kinski, „Spuren auf dem Mond“) nach Transsylvanien beordert, um Verträge über einen Immobilienkauf abzuschließen. Dracula beißt Harker und reist nach Wismar, um sich auch an dessen Frau Lucy (Isabelle Adjani, „Ein mörderischer Sommer“) zu vergreifen. Wer kann den düsteren Grafen und damit die Seuche des Vampirismus aufhalten?
Droht Herzogs Neuverfilmung anfänglich noch, in den Kitsch abrutschen, wird schon bald sein wahres Anliegen deutlich: Herzog orientierte sich einerseits eng an Murnaus Vorlage – so sind viele Einstellungen sicherlich durchaus als Hommage zu verstehen –, ging in zwei entscheidenden Punkten aber eigene Wege: Zum einen ist Klaus Kinski in seiner Rolle als Graf Dracula in wahrhaftig furchteinflößender, sich dabei perfekt Kinskis natürlicher Gesichtszüge bedienender Maske weder das Monstrum aus dem Original, noch der erhabene, gentlemanartige Verführer anderer Verfilmungen, sondern eine von Einsamkeit und Isolation geplagte, unter der Bürde der Unsterblichkeit ächzende Kreatur, die wie ein Fehler der Natur wirkt und Mitleid erregt – zerbrechlich und gefährlich zugleich. Kinski absolviert diese Rolle mit (gewohnter) Bravour und hat trotz verhältnismäßig geringer Dauer seiner Auftritte eine wahnsinnige Präsenz sowie mit seiner leidgeplagten Mimik eine starke Ausstrahlung. Zum anderen rufen unter Herzog die transsylvanischen „Mitbringsel“ wie Ratten und Seuchen fast eine Apokalypse hervor und bringen beinahe ganz Wismar zum Erliegen. Die Ankunft des Grafen wird zum Symbol für großflächiges Verheeren und Tod einer Gesellschaft mitsamt ihrer Ordnung. Während andere „Dracula“-Interpretationen die sexuelle Metapher betonen, reizt Herzog seine Vision vom Ende der Zivilisation in beeindruckenden, morbiden Außenaufnahmen aus. Die Bilder gruseliger mexikanischer Mumien wirken in diesem Zusammenhang wie Propheten einer düsteren Zukunft.
Dabei kommt Herzogs Film quasi komplett ohne Spezialeffekte aus und ist weder sonderlich spannend, noch dramaturgisch pointiert. Stattdessen nimmt sich das langsame Erzähltempo alle Zeit für poetische Momente, denen eine negative, todessehnsüchtige Romantik und Schwermut innewohnt. Die künstlerische, dynamische Kameraführung arbeitet auf hohem Niveau und arbeitet viel mit Spiegelungen bzw. legt in gleich mehreren Szenen ihren Fokus auf das Fehlen des Spiegelbilds des Grafen. Die Musik Popol Vuhs beschwört alptraumhafte Assoziationen grafisch zurückhaltender Szenen herauf und ist starker Faktor für das sinnliche Aufgehen des Gesamtkunstwerks. Mit seinem laut eigener Aussage Versuch eines Genrefilms erweist sich Herzog als Meister des Erzeugens gruseliger Gänsehautatmosphäre, wie sie letztlich nur wenige „Dracula“-Verfilmungen zu bieten haben. Diese unwirtliche, höchst intensive Stimmung des Films ist es, die das Fehlen Genrefilm-typischer Charakteristika vergessen macht.
Star des Films ist Klaus Kinski, der in Zusammenhang mit der übermächtigen, gefangen nehmenden Stimmung des Films unter Herzogs Regie alle anderen Darsteller zu einfach gestrickten Marionetten degradiert, darunter selbst die Adjani, deren Rolle als Lucy sicherlich mehr Ausarbeitung verdient gehabt hatte. Selbst ein van Helsing findet nur am Rande statt. Konsequenz ist u.a., dass manch Dialogszene etwas gekünstelt wirkt. Inwieweit das Herzogs Absicht war, ist mir nicht bekannt; zurück bleibt nach Filmende das ungute Gefühl einer finsteren Kräften früher oder später ausgelieferten Menschheit, deren heiteres Treiben das Pfeifen im Walde des nahenden Exitus ist.
Für Vampirfilm-Einsteiger ist „Nosferatu – Phantom der Nacht“ damit sicherlich keine leichte Kost und vermag Irritationen hervorzurufen. Wer am klassischen Gruselstoff jedoch schon immer insbesondere die leiseren morbiden Schattierungen und die desillusionierte Melancholie des Untergangs schätzte, wird mit Herzogs mittlerweile zurecht ebenfalls längst als Klassiker geltendem Film zwischen Expressionismus-Ehrerbietung, Kunstfilm und Gothic-Horror-Genrewerk, der beweist, wie fließend die imaginären Grenzen sind, voll und ganz auf seine Kosten kommen. Schade, dass Herzog keine weiteren in diese Richtung weisenden Arbeiten abgeliefert hat.