Eine Kombination aus Verwirrung, Staunen, Orientierungslosigkeit und Erschöpfung überwältigt den Zuschauer nach der Sichtung der filmischen Achterbahn „L´Amour braque“. Frei basierend auf dem Roman „Der Idiot“ von Fjodor Dostojewski vereinigt der Film sämtliche Charakteristiken und Feinheiten des außergewöhnlichen Stils Andrzej Zulawskis: Vertiginöse Kamerafahrten, eine Vorliebe für zerfallene Bauten und steile Treppenhäuser, expressives Schauspiel am Rande des Wahnsinns und ein rapides Erzähltempo, das dem Zuschauer keine beruhigen Erholungsphasen gönnt. Es liegt somit auf der Hand, dass sämtliche Aspekte der Geschichte und intellektuelle Hintergründe nach einer einzelnen Sichtung nicht vollständig erfasst werden können. Generell scheint es ein schwer realisierbares Unterfangen zu sein, ein Werk von Zulawski dekodieren zu wollen. Denn eine „laisser faire“-Mentalität von Seiten des Zuschauers wird mit einer Immersion in eine völlig fremdartige Welt belohnt, die durch weitgeführte Interpretation von ihrer magischen Aura einbüßen könnte.
Léon befindet sich auf dem Weg von Ungarn nach Frankreich, als er während der Zugfahrt auf den Gauner Mickey trifft, der gerade einen gelungenen Banküberfall hinter sich gebracht hat. Die Beiden verstehen sich gut und es dauert nicht lange bis Léon Mickeys Freundin Mary (Sophie Marceau) kennen lernt. Das Paar wird durch einen gemeinsamen Wunsch nach Rache an den Brüdern Vinin zusammengehalten, die Marys Mutter töteten und Mickeys Vater ins Zuchthaus beförderten. Zu seinem Unglück verliebt sich der naive Léon (der dostojewskische Idiot) in die attraktive Mary, sodass er in ein komplexes System aus Leidenschaft, Eifersucht und Rachegefühlen involviert wird.
Die Gangsterstory dient Zulawski selbstverständlich nur als Rahmen für die Entwicklung der Liebe/Hass Beziehung zwischen Léon und Mary. Léon kann seine Gefühle nicht länger unterdrücken und wird von dem Bedürfnis angetrieben, seine Angebetete immer häufiger zu sehen; Marys Interesse beschränkt sich weitgehend auf die Befriedigung ihrer Rache, die durch eine unerwartete Kettenreaktion das Leben zahlreicher Menschen gefährden wird. Mickey und seine Komplizen sind permanent auf der Flucht; sie schreien, sie schießen, sie kopulieren und sie liefern sich halsbrecherische Auto-Verfolgungsjagden. Die Verbindung zwischen Eros und Thanatos (Liebe und Tod), die unter anderem im deutschen Filmtitel „Liebe und Gewalt“ angedeutet wird, zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Verlauf des Films.
Mary und Mickey kämpfen mit dem Schatten ihrer Vergangenheit, der sie zu keinem Zeitpunkt ruhen lässt und in ihnen einen unstillbaren Hunger nach Zerstörung heraufbeschwört. Die Gegenposition zu diesen Figuren nimmt der naive Léon ein, dessen Probleme gegenwartsbezogen sind, da sein Unglück erst durch die Begegnung mit Sophie Marceaus Charakter initiiert wurde. Somit positioniert sich „L´Amour braque“ im Rang einer komplexen Abhandlung zum Thema menschliche Emotionen.
Auch ohne ein profundes Verständnis sämtlicher Feinheiten der Erzählung überzeugt der Film durch seine konsequente Inszenierung und eine beeindruckende visuelle Ebene. Bereits der Anfang von „L´Amour braque“ stimmt den Zuschauer auf die kommende Entwicklung ein: Mickey überfällt mit seinen Komplizen eine Bank. Zur Tarnung tragen sie alle Masken bekannter „Disney-Figuren“. Doch die Ganoven verhalten sich keinesfalls „angemessen“, denn sie springen, laufen und tanzen durch die langen Hallen der Bank. Die Kamera fängt das exzentrische Verhalten der Täter durch schwindelerregende Kamerafahrten ein und die gesamte Szenerie wird durch temporeiche Musik unterstrichen.
Wie meine Inhaltsangabe bereits vermuten lässt, könnte man sicherlich Parallelen zwischen „L´Amour braque“ und später entstandenen Filmen wie „Wild at Heart“ oder „True Romance“ ziehen. Allesamt werden sie durch die gemeinsame „Lovers on the Run“ Thematik verbunden, wobei „L´Amour braque“ das Ausgangsschema durch die Einführung von drei Charakteren modifiziert.
„L´Amour braque“ besitzt jedoch ebenfalls eine unmissverständliche Inspirationsquelle. Als bekennender Terrence Malick Fan bezieht sich Zulawski auf dessen Film „Badlands“. Selbstverständlich unterscheiden sich beide Werke durch den unterschiedlichen Stil der Filmemacher auf fundamentale Weise, doch eine gewisse Verwandtschaft lässt sich dennoch nicht von der Hand weisen.
Mit „L´Amour braque“ habe ich mir nun endlich alle Langfilme von Andrzej Zulawski zu Gemüte führen können. Rückblickend gesehen, handelt es sich um ein Gesamtwerk, das sich gegen sämtliche Konventionen stellt und dadurch seinen Platz in meiner Sammlung rechtfertigt. Wenn ich in einer Phase viele Filme konsumiert habe, die nach dem Abspann keinen Effekt hinterließen, komme ich immer wieder auf Titel meiner Zulawski-Sammlung zurück und überzeuge mich erneut von den inhärenten Möglichkeiten des Medium Films.
Auch den hier besprochenen Film werde ich versuchen noch einige Male zu sichten, da er ein wahrhaft einzigartiges Erlebnis darstellt.
9/10