Review

Ein junger Mann, dessen Frau und Kind während der Naziokkupation von Polen starben, betätigt sich im Untergrund. Gleichzeitig füttert er Läuse für die Unterdrücker...


Andrzej Zulawskis erster Kinofilm basiert auf den realen Kriegserinnerungen seines Vaters. Ich war einigermaßen baff, als der Regisseur im der DVD beigefügten Interview erzählte, daß auch die surreal erscheinende Läusegeschichte auf realen Zuständen fußt, da Studenten damals gegen Entgelt herangezogen wurden, um bei der Bekämpfung von Typhus behilflich zu sein, indem sie sich den kleinen Plagegeistern als Wirte zur Verfügung stellten. 

Der Film nutzt die authentischen Erinnerungen des Zulawski-Kindes und seines Papas für eine alptraumhafte Reise durch ein der Hoffnung weitgehend entkleidetes Krakau. Dabei fällt auf, daß verschiedene der Standards späterer Zulawski-Sachen - etwa das Nachaußenkehren innerer Bewegung, die zu hysterischen Ausbrüchen der Figuren wird - bereits enthalten sind. 

Was mir an Zulawski gefällt, ist, daß ich ihn keine Sekunde für jemanden halte, der selbstzweckhaft schockierende oder grelle Elemente aneinandertackert, um Gehör bei einer bestimmten Klientel zu finden. Bei aller Drastik, die sich in seinen Filmen findet, scheinen jene eher Erzeugnisse einer zarten Seele zu sein, die sich an der Masse stößt. 

Das beigefügte Interview bestätigte meinen Eindruck. Selbstmitleid ist bei dem Mann dramatisch abwesend. Stattdessen regiert eine sehr dem Leben zugeneigte Betrachtung der grausigen Vorgänge, sehr viel subtiler und scheinbar hart erkämpfter Humor spielen sich in ihm ab. Ein ausgesprochen warmer und sympathischer Zeitgenosse, der ja jetzt leider nicht mehr ist. 

Der Mensch steht auf jeden Fall im Mittelpunkt seiner Filme, nicht die Ästhetik. Dies widerspricht in gewisser Weise der früheren Rezeption etwa seines wohl populärsten Filmes, POSSESSION, der in den 80ern abgefeiert wurde, häufig von Leuten, die eher dem radikalen Chic und kleidsamer Destruktivität verpflichtet waren, nicht der sensiblen Menschbetrachtung. Angeblich soll der Film in Deutschland gelaufen sein (TV?), aber die einzige erhältliche Fassung ist die britische von Second Run. Die ist allerdings proper.

Christian Keßler

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