Was für eine Idee, einen Anthologiefilm zu drehen über den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt! Die halbe Miete ist bereits auf dem Papier eingefahren; wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Puls bei einer solchen Prämisse nicht mindestens einmal überschlägt?
Und Damián Szifron schafft es gleich sechsmal auf höchst unterschiedliche Weise. Mal ist der Ausrastende halbwegs sympathisch und seine Beweggründe verständlich, mal ist er ein undurchdringlicher Psychopath; mal entpuppt er sich erst in letzter Minute oder er tritt selbst gar nicht in Erscheinung, sondern nur sein Werk.
Bei der Varianz der einzelnen Episoden ist es beachtlich, dass nur ein einzelner Regisseur und Drehbuchautor am Werk war. Dies erlaubt immerhin übergreifend ein paar subtile Querbezüge. Wird etwa in einer Episode die von Soziologen vieldiskutierte These von den Fesseln der vermeintlich freien Gesellschaft gestellt und daraus abgeleitet, dass man im Gefängnis unweigerlich Freiheit empfinden muss, so macht der Protagonist einer späteren Episode genau diese Erfahrung. Davon abgesehen bleiben die einzelnen Geschichten allerdings relativ autark voneinander.
Andererseits zeigt sich Szifrons Arbeitsweise ähnlich irrational wie sein Sujet: Der Ton schwankt unkontrolliert zwischen schwarzem Humor, Drama, Thriller und manchmal sogar vereinzelten Motiven aus dem Bereich Horror. Viele Situationen können als geschmacklos empfunden werden, weil nicht nur die Charaktere über die Stränge schlagen, sondern auch die Inszenierung. Vor allem aber stellt sich die Frage, wozu Stellung bezogen wird; möchte „Wild Tales“ die Missstände eines gesellschaftlichen Systems aufdecken, das die psychologische Belastbarkeit des Individuums an seine Grenzen bringt? Oft jedoch fällt es schwer, die (teilweise bewusst überzeichneten) Handlungen der Einzelnen nachzuvollziehen und somit Verständnis aufzubringen.
Letztlich geht es vermutlich um die unvermeidliche Wechselwirkung zwischen dem Einzelnen und der Welt, in der er lebt. Im Schlussakt, der auch filmisch betrachtet wie eine letzte große Pointe funktioniert, wird sogar eine von den Leidtragenden selbst geschaffene Nische angeprangert, die des öffentlichen Menschen, der sein Leben vor allen anderen als große Party inszeniert. Eine Lösung bietet der Regisseur für die Ausartungen von der Norm nicht. Schlussendlich ist die Kausalkette vor dem Ausraster unsprengbar, wie der selbst unentschlossene, schizophrene Stil des Films unter Beweis stellt. Aber irgendwie ist es ja doch schön zu sehen, welch groteske Formen das menschliche Zusammenleben annehmen kann. „Wild Tales“ – über Just-Do-Its, die nach hinten losgingen, und Take-It-Easys, die man daraus lernen sollte.