Argentiniens absolut abgefahrene, arschtretende Arthouse-Anthologie
Irgendwo zwischen Tarantino, den Coens, seinem Produzent Almodovar & den jüngst populären Horror-Anthologien wie "VHS" oder "Southbound", kommt "Wild Tales" angerauscht & macht seinem Namen alle Ehre.
In 6 vielseitigen Kurzstories, verbunden durch Menschen die Rot sehen, gibt es enorm viel zu Lachen, zu Staunen & sogar zu Schaudern. Diese kleine, völlig zu recht oscarnominierte Argentinien-Schlachtplatte des schlechten Geschmacks, ist nicht nur der erfolgreichste Film seines Landes, sondern auch auf dem Weg zum populärsten. Denn die unterschiedlich langen, extrem kurzweiligen & zudem noch unheimlich hübsch gefilmten Geschichten, haben es in sich & erinnern an einen virtuosen Mix aus der "Twilight Zone" & einer südamerikanischen Soap-Opera - nur in verdammt gut, nie berechenbar & sein Überraschungsmoment vollkommen ausnutzend.
Geschichte 1 spielt noch vor dem Vorspann & ist vielleicht die Story, deren Humor am schwärzesten ist, erst recht in Zusammenhang mit einem traurigen Ereignis aus letztem Jahr, das noch in all unserer Köpfe ist. Nur so viel sei gesagt: hier merken auf einem Flug ein paar Passagiere, dass sie mehr gemeinsam haben, als ihnen lieb sein könnte... Kurz, knackig & eine gute Einführung - wenn es einem denn nicht zu nah geht. (8/10)
Dann geht es weiter zu einer ungewöhnlichen Rachestory in einer regnerischen Nacht in einem Restaurant mitten im Nirgendwo... Auch hier musste ich wieder, wie bei jeder Folge, mehr als einmal laut lachen & konnte die freche, gnadenlose & Haken schlagende Art kaum genug feiern. (7,5/10)
Episode 3 spielt auf einer Landstraße, wieder im Nirgendwo... allerdings diesmal am helllichten Tag - hier lernt ein etwas eingebildet wirkender Schnösel, dass man nicht jeden anderen Fahrer auf der Straße beschimpfen sollte... erst recht wenn man kurz darauf einen Platten am neuen Audi hat. Völlig abgedrehte Gewaltspirale - man kann es kaum fassen & hat spätestens jetzt begriffen, was für ein Kaliber man hier guckt. (9/10)
Shortstory 4 ist eine super witzige Gesellschaftskritik in der ein Mann fast wie einst Michael Douglas in "Falling Down" von den Mittelfingern des Lebens genug hat & sich wehrt... Ein seltsames Ende & ein paar Längen vermasseln hier eine noch bessere Note. (7,5/10)
Die vorletzte Folge handelt von einem Autounfall mit doppelt tödlichem Ausgang, Fahrerflucht & einem reichen Vater, der versucht, die Schuld irgendwie von seinem Sohn, dem Fahrer, wegzukriegen... Gute (un)moralische Geschichte über Wahrheit, Rache, Schuld & Buße. Nicht ganz so witzig, zügig & das Ende war fast etwas vorhersehbar. (7,5/10)
Die Abschlussgeschichte entlässt uns aus den schnell vergangenen 2 Stunden nochmal mit einem Knall: die chaotischste, turbulenteste & unberechenbarste Hochzeit Argentiniens - eine Mischung aus "Carrie" & "Friends" - wow, wow, wow! (9,5/10)
Der Durchschnitt ist also ungewöhnlich hoch & da es, anders als in vergleichbaren Anthologien, eigentlich keinen Durchhänger gibt, ist man im Endeffekt restlos begeistert & verzeiht sogar eine fehlende Rahmenhandlung, die eventuell gestört hätte. So hat er eine perfekte Länge, perfekte Härte, perfekte Mischung aus Humor & Blut. "Wild Tales" ist großes Kino & ein kleines Denkmal für das argentinische Kino, von dem man hier nach gerne noch mehr sehen würde. Egal ob Fan von Komödien, Weltfilmen, Arthouse, Thrillern oder gar Horrorfilmen wie "ABCs of Death" - hier kommt jeder auf seine Kosten. Gutes kann man halt kaum leugnen. Und da ich diese Art von Episodenfilmen eh liebe, gehört "Wild Tales" schon jetzt zu meinem All-Time-Favoriten. Eigentlich eine Schande ihn im Kino verpasst zu haben. Ebenso, dass z.B. ein Fantasy Filmfest ihn sich nicht sichern konnte. So bleibt er ein über die Jahre immer beliebter werdender Geheimtipp.
Fazit: eine der besten Anthologien aller Zeiten & ein Fest in so vielen Genres! Zum Schreien komisch & bitterböse, kurzweiligere Unterhaltung geht kaum, für den internationalen Arthouse-Fan bis zu den Horrorjüngern. Jeder Kurzfilm ist gelungen & ein Kunstwerk für sich!