Mutterliebe in der Zerreißprobe
Nachdem ich am Wochenende mit "Toni Erdmann" eine herausragende & einzigartige filmische Vater-Tochter-Beziehung miterleben durfte, kam es, wie es der oft humorvolle Zufall so will: mit "Mommy", einem Mutter-Sohn-Beziehungsdrama, toppt das der kanadische Regisseur Xavier Dolan sogar noch. "Mommy" ist ein herzzerreißendes, künstlerisch enorm bedachtes & wertvolles Erlebnis, dass einen zur gleichen Zeit erschüttern & aufmuntern kann. Dieser Film strotzt, wie sein aufgedrehter, unperfekter aber zutiefst menschlicher Protagonist, nur so vor Energie, Magie, Tatendrang. Selten gibt einem ein eigentlich sehr trauriger Film, so viel an geballter Emotion - sogar auch positiver. "Mommy" nimmt einen mit, laugt einen aus & bleibt hängen, wie kaum ein zweiter Film. Ein (alb)traumhaftes Meisterwerk, je nachdem wie man die vielen Themen & Andeutungen interpretiert.
"Mommy" ist wahrscheinlich der beste Film über die psychologische Steigerung zum Hyperaktiven & eine der intimsten, unberechenbarsten & pursten Filmerlebnisse, über eine kleine Familie & ihren Kampf gegen sich, die Welt & diese kaum überwindbare Krankheit. Durch die enge Kameraführung & die noch engere, ungewohnte Aspect Ratio, fühlt man sich, als ob man ganz nah dran wäre am eindringlichen Leben der Zwei, als ob man durch ein Schlüsselloch guckt & man kommt sich sehr eingeengt vor. Nur einmal, in einer unglaublichen Traumsequenz, verlassen wir das kleine Bild & eine leider unerreichbare Zukunft wird in einer zu Tränen rührenden Collage eingefangen. Und das ist bei weitem nicht die einzige Szene mit Erinnerungswert - allein schon die Karaoke-Szenen sind Gänsehaut pur. Der Soundtrack ist unfassbar gut, auch wenn die berühmten Titel sich manchmal schon fast zu sehr in den Vordergrund drängen. Man fragt sich, wie eine so kleine Produktion sich von Oasis bis Eiffel 65 diese extrem großen, vieldeutigen Titel leisten konnte... Und wie Hollywood diesen Film so übersehen konnte!
Keine Kritik zu "Mommy" wäre fertig, ohne die Darsteller zu loben. Was hier Anne Dorval als verzweifelt-liebende White Trash-Mutter "Die" & Antoine-Oliver Pilon, als gestört-liebender Sohn Steve, abliefern, geht tief ins Herz & unter die Haut. Der Film wird von Ihnen mühelos getragen & egal ob lustige, melancholische, brutale oder verzweifelte Momente - hier wirkt nichts gestelzt, gespielt oder gar, trotz ähnlichem Thema, soapy. Jede Auszeichung an die beiden war gerechtfertigt & gerade die Darstellung des verhaltensauffälligen Steve, ist meiner Meinung nach eine der besten Darstellungen eines kranken Jugendlichen überhaupt. Dazu gesellt sich eine genauso beeindruckend gespielte Nachbarin, als unterstützende, ebenfalls sehr tiefgründige Figur von außen, sodass schon allein diese drei Schauspielleistungen jeden Eintrittspreis wert sind. Das zusammen mit der eindeutig & jederzeit erkennbaren Vision Dolans, seiner ungeschönten, ultra emotionalen Art, ergibt einen Cocktail fast ohne Schwächen. Ein 5-Sterne-Drama & intensive Betrachtung einer zusammengewachsenen & aufs Spiel gesetzten Beziehung Mutter-Sohn. Einzig & allein die dramaturgisch etwas ungünstige & leicht surreal wirkende Einrahmung der Handlung durch ein fiktionales kanadisches Gesetz zur Wegsperrung von nicht zu bändigenden, kranken Menschen, fügte sich nicht ganz nahtlos in das nahezu perfekte Gesamtbild ein.
Fazit: ein unglaublich intensives Drama über die Liebe zwischen einer starken, alleinerziehenden Mutter & ihrem Sohn mit ADHS. Egal wieviele Filme man in seinem Leben sieht - diesen hier vergisst man nicht! Eine stärkere Mutter-Sohn-Connection & ein beeindruckenderes Band fällt mir momentan nicht ein. Ein Film wie ein Vorschlaghammer aufs Herz.