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Automechaniker Nikolai „Kolja“ Sergejew (Alexej Serebrjakow) lebt mit Frau Lilia (Jelena Ljadowa) und Sohn Roman (Sergej Pochodajew) in einem selbst gebauten Haus am Barentssee. Der korrupte Bürgermeister (Roman Madjanow) des kleinen Ortes verklagt Kolja erfolgreich auf Herausgabe des Grundstücks. Darauf ruft der Verzweifelte einen alten Freund, der Anwalt in Moskau ist…

Als 2015 mit „Leviathan“ 45 Jahre nach „Krieg und Frieden“ (1969) wieder ein russischer Film den Golden Globe erhält, zeigt sich der russische Kulturminister Wladimir Medinski zwar erfreut, verurteilt dann aber das Werk als „konjunkturbedingt“. Obwohl von seinem Ministerium co-finanziert, bediene es „Stereotypen über Russland um den internationalen Kritikern zu gefallen“ (Quellen: „Die Welt“). Hier zieht sich jemand den Schuh an, der ihm passt, denn eigentlich ist „Leviathan“ eine weltweit gültige, zeitlose Parabel über den hilflosen Kampf des kleinen Mannes gegen den übermächtigen Staat.
„Du solltest das Gesicht der Macht kennen!“, verhöhnt der feiste Bürgermeister seinen Widersacher als er sturzbetrunken spät nachts vorm Haus steht. „Was willst Du von mir, Du Macht?!“ kontert der ebenfalls schwer angeschlagene Kolja, dabei ist das längst beschlossene Sache, gerade erst hat eine Richterin teilnahmslos und in Rekordgeschwindigkeit das Urteil verlesen, das ihn seiner Existenz beraubt. Als der Anwaltsfreund schwere Vergehen in der Vergangenheit des Bürgermeisters aufdeckt, versichert die Parteiführung dem korrupten Emporkömmling ihre Unterstützung, nun ist er noch leichter zu lenken. Je länger Kolja seinen verzweifelten Kampf führt, desto höher sind seine Verluste, Grundstück, Haus und Autowerkstatt sind längst nicht das Ende. Sein Leid nimmt biblische Ausmaße an, doch der Priester, der ihm kurz vorm Ende aus dem Buch Hiob predigt, ist längst von der Macht korrumpiert und Teil eines Systems, das in seiner Auslegung die Worte der Bibel im eigenen Sinn verdreht und verfälscht. Und wo der Glaube keinen Trost mehr verspricht, wird der Wodka zum Religionsersatz, er wird zu eigentlich jeder Gelegenheit in großen Bechern herabgestürzt. Mit großartigen Darstellern und in langen, ruhigen Einstellungen inszeniert Andrey Zvyagintsev seinen ersten Spielfilm vor der trostlosen Kulisse der russischen Arktis, wo das kleine Dorf wie ein Fremdkörper in der rauen Natur wirkt. Die Geschichte geht unter die Haut, Koljas verzweifelter Kampf und das Nicht-Verstehen seines Sohns rühren zu Tränen, nur im Nebenplot (Lilia und Anwalt) wird die Motivation der Beteiligten nicht ganz klar.
„Ich bin absolut überzeugt, dass es die Wahrheit des heutigen Tages ist“, sagt Zvyagintsev über sein Werk, „Diese Wahrheit ist heilsam… und nötig um die eingeschlafenen Gefühle und Emotionen zu wecken“. (9/10)

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