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Aleksey Serebryakov spielt den Mechaniker Nikolai, dessen Anwesen sich etwas außerhalb einer kleinen Küstenstadt in malerischer Lage unmittelbar an der Barentssee befindet. Von daher ist es kein Wunder, dass der Bürgermeister es am liebsten enteignen und den rechtmäßigen Besitzer mit einem lachhaften Spottpreis entschädigen will. Letzterer setzt sich jedoch mit Hilfe eines Armeefreundes, eines Moskauer Anwalts, zur Wehr, der wiederum den Bürgermeister mit kompromittierendem Material erpresst, als die erste Klage vor Gericht abgewiesen wird. Für den ahnungslosen Nikolai ist das der Anfang einer fatalen Abwärtsspirale, in Gang gesetzt von den lokalen Eliten, die allesamt unter einer Decke stecken.

Den Film nach der berühmten politischen Schrift von Thomas Hobbes zu benennen, war eine nachvollziehbare Entscheidung, schließlich bringt der Autor darin sein absolutistisches Politikverständnis zum Ausdruck, plädiert für einen Souverän, dem sich das gemeine Volk zum eigenen Vorteil unterzuordnen hat. Wie im Film vereint der Herrscher weltliche und auch geistliche Macht, jedoch dürfte Hobbes, anders als es im russischen Drama der Fall ist, keinen vermutlich korrupten, nach eigener Willkür waltenden Bürgermeister vor Augen gehabt haben. Von daher wäre auch der Titel „Hiob“ nicht unpassend gewesen, angesichts der Schicksalsschläge, die der Protagonist im Verlauf des Films einzustecken hat.

Andrei Swjaginzew, der als Autor und Regisseur fungiert, klagt die grassierende Korruption in Russland an, die bekanntermaßen über die lokale Ebene hinaus bis in den Kreml reicht. Der Protagonist ist, als der befreundete Anwalt wieder nach Moskau verschwindet, dem Bürgermeister schutzlos ausgeliefert, weil der nicht nur mit dem Klerus, sondern auch mit der Justiz unter einer Decke steckt. Eine bezeichnende Szene ist die, in welcher Nikolai von seiner Ehefrau mit dem Verweis darauf, dass er die örtlichen Machtverhältnisse doch kenne, regelrecht als nativ dargestellt wird, weil er weiterhin auf sein gutes Recht pocht. Dass der 2014 für den Auslands-Oscar nominierte Film von russischen Politikern bis hin zum Kulturminister kritisiert wurde, weil er westliche Vorurteile, wie auch den massiven Alkoholismus vor allem russischer Männer, bediene, macht ihn nur noch reizvoller, zumal Vieles ausgesprochen realistisch ist. Da in Russland vielfach gewitzelt wurde, dass sich die im Film angeprangerten Verhältnisse im ganzen Land zu jeder Zeit abspielen würden, dürfte der Film zudem durchaus einen Nerv getroffen haben.

Und „Leviathan“ wäre wohl ein besserer Film geworden, hätte sich Swjaginzew stärker auf die Fehde zwischen dem Bürgermeister und dem unnachgiebigen Nikolai fokussiert, doch nach einem starken Auftakt rückt er die Affäre zwischen dessen Frau und seinem Anwalt stärker in den Fokus, widmet sich auch der Vater-Sohn-Beziehung und das mit einem regelrecht bleiernem Erzähltempo. Dieser Rückzug ins Private ist zwar kein Totalausfall, weil Swjaginzew weiterhin ein gelungenes Portrait der russischen Gesellschaft abliefert, dabei insbesondere den weitverbreiteten Alkoholismus thematisiert und die Figuren so durchaus weiter an Profil gewinnen. Gewaltige Längen hat der wortkarge Film dennoch.

Dabei hätte „Leviathan“, der größtenteils mit guten bis sehr guten Kritiken bedacht wurde, ein großartiges Meisterwerk werden können. Die schauspielerischen Leistungen bewegen sich auf allerhöchstem Niveau, vor allem was den Hauptdarsteller Alexej Serebrjakow angeht, der den groben Nikolai in jederlei Hinsicht perfekt verkörpert. Auch die Optik, besonders die Bildsprache, ist hervorragend. Es sind vor allem die Einstellungen, welche die Natur, die Brandung der Barentssee, in all ihrer Schönheit, Grobheit und Gewalt hervorragend einfangen, die „Leviathan“ in visueller Hinsicht zu einem echten Leckerbissen machen und auch die Thematik angemessen wiederspiegeln. Der Protagonist versucht gegen die geballte politische Gewalt in seinem Ort anzukämpfen, gegen eine Macht, die, wie sich herausstellen soll, erheblich größer ist als er, ähnlich wie die Urgewalt der ungebändigten Natur.

Fazit:
„Leviathan“ prangert die grassierende Korruption, den beängstigende Ausmaße annehmenden Alkoholismus und die Willkür der Justiz in Russland am Beispiel einer modernen Hiob-Geschichte in interessanter und gelungener Weise an, ist visuell wie darstellerisch ein echter Leckerbissen aus russischen Landen. Schade aber, dass er im Mittelteil fast ausschließlich das Privatleben der Hauptfigur thematisiert und mit seiner zähen, wortkargen Erzählweise zahllose Längen aufkommen lässt.

62 %

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