Ein Mann leidet, ein Land scheidet
"Leviathan" ist ruhiges, kraftvolles Dramakino, dass dich langsam überrollt wie ein anfahrender Zug. Schmerzhaft, realistisch und bietet dabei wahrscheinlich mit die schönsten Bilder, die je ein Film von der russischen Tundra gezeigt hat. Der vollkommen zu recht oscarnominierte Trauerklos-Film, handelt von einem Mann, den es knüppeldick erwischt und der vom Schicksal und dem russischen Staatsapparat gebeutelt wird. Das Haus droht abgerissen zu werden, er wird festgenommen, Probleme mit seinem Sohn, die Frau geht fremd mit einem guten Freund... das sind schon mehr als harte Schicksalsschläge und man fühlt mit, wenn sich der arme Mann in Wodka ertrinkt und sich am Ende fragt, warum gerade er und wie Gott das zulassen kann... Nicht nur er trinkt fast dauernd, halb Russland scheint sich mit klaren Kurzen zu betäuben und die Augen zu verschließen.
Unheimlich politisch, erschreckend aktuell und trotzdem zeitlos und tiefschürfend menschlich - all das passt auf diese pessimistische Momentaufnahme einer Welt, die dich als kleinen Mann vollständig verzehren kann. Deutungen und Parallelen zur Regierung Putins und dem aktuellen Stand von Mütterchen Russland könnten klarer kaum sein, man fragt sich, wie der Film nur an seine staatliche finanzielle Unterstützung kommen konnte. Doch die Geschichte und das Anprangern von Korruption und Leid, kann man eigentlich über unseren kompletten Globus ziehen. Über manche Länder und Gebiete mehr, über andere weniger. Perfekt ist jedoch kein Land oder Gesellschaft, würde ich mal behaupten.
Das Ende hält etliche Downer bereit und Feel-Good-Filmfans könnten nicht falscher am Platz sein. Vielleicht sind all die Unglücke, die auf den Mann einprasseln, schon etwas zu viel des Guten. Die ruhige Art des Films und die starken Darsteller lassen die biblische Geschichte jedoch nie plakativ oder langweilig erscheinen, ganz im Gegenteil. Und optisch fixierte Menschen sehen sich alleine an den traumhaften Aufnahmen satt, die jeder amerikanischen Weite Paroli bietet. Voller Symbole und Deutungsebenen lässt der von vielen nicht zu unrecht als Meisterwerk betitelte Film unseren eigenen Gedanken und Interpretationen freuen Lauf und ist ein wahres Kunstwerk des Understatements. Ein intimes wie episches Statement gegen soziale Ungerechtigkeit und die Machtlosigkeit des Individuums. Großes Russland-Kino!
Fazit: traumhafte Bilder russischer Landschaft und eine modernisierte, universelle Hiob-Geschichte - "Leviathan" ist Dramakost, die man so schnell nicht vergisst und die die Hilflosigkeit des kleinen Mannes schmerzhaft zeichnet, nicht nur für Russland!