Mit kalkuliertem Kult ist das ja so eine Sache. Schon Konfuzius (oder einer der vielen anderen weisen Philosophen) sagte: "Willst du Kult machen gut, in die Hose das meist gehen tut." Da kann man sich noch so sehr bemühen... wenn das mitunter störrische Publikum dem Ergebnis die kalte Schulter zeigt, dann war das halt einfach nix. Ja, ich meine zum Beispiel dich, Bitch Slap (2009). Und dich, Dieter - Der Film (2006). Dich auch, Movie 43 (2013). Und natürlich dich, Rubber (2010), obwohl ich gestehen muß, dich in mein Herz geschlossen zu haben. Ich möchte Daniel Armstrong nun keineswegs unterstellen, daß er MurderDrome nur mit einem Auge gemacht hat, während er mit dem anderen Richtung Kult schielte, aber für mich fühlt sich dieses extravagante Spektakel so an, als hätte Armstrong es von vornherein als potentiellen Kultfilm konzipiert. So weit, so gut. Das Besondere an MurderDrome ist allerdings, daß hier die Rechnung ausnahmsweise tatsächlich mal aufgehen könnte. Ich würde es Herrn Armstrong und seinen engagierten Mitstreitern jedenfalls von Herzen gönnen, denn ich liebe diesen Film (und das, obwohl ich aufgrund des schrägen Aussie-Englischs wohl nur zwei Drittel der Dialoge verstanden habe). Und ich liebe Cherry Skye (Amber Sajben), die Heldin dieses irren Streifens.
Eigentlich will Cherry nur tagein tagaus skaten, mit ihren Freundinnen Trans Em (Kat Anderson), Psychlone (Louise Monnington) und Thrusty P Elvis (Gerry Mahoney) abhängen, beim Roller Derby auftrumpfen und ganz einfach Spaß haben. Doch just als sie Brad (Jake Brown) kennenlernt und sich die beiden etwas näherkommen, beginnt das Unheil. Und hat man erst kein Glück, kommt anschließend auch noch Pech hinzu. Kein Glück hat Cherry mit Brads Ex, der blonden Zicke Hell Grazer (Rachael Blackwood). Die kann der aufkeimenden Romanze rein gar nichts abgewinnen, weshalb sie Cherry sogleich auf die Pelle rückt und auch vor härteren Bandagen nicht zurückschreckt. Und das Pech heftet sich in Form eines Amuletts an Cherrys Fersen, welches ihr Brad in guter Absicht geschenkt hat. Dieses Amulett öffnet nämlich das Tor zur Hölle, woraufhin Momma Skate (Be-On The-Rocks aka Bianca Simone Currie) in unsere Welt zurückkehrt, das wohl mörderischste und blutrünstigste Skater-Girl aller Zeiten. Bewaffnet mit einem spitzen Haken und einem scharfen Fleischerbeil, die sie an langen Ketten durch die Luft wirbeln läßt, beginnt sie, Cherrys Clique und alle, die ihren Weg kreuzen, abzuschlachten. Nur ein mysteriöser Haarfetischist (Max Marchione) scheint zu wissen, wie man der rollenden Dämonin beikommen kann.
Im Gegensatz zu vielen anderen Wannabe-Cult-Flicks hat MurderDrome - "The World's First Roller Derby Slasher Movie!" (Tagline) - das Herz am rechten Fleck. Dabei hatte der knapp über siebzig Minuten kurze Streifen, der eigentlich gar nicht als Spielfilm sondern als Webserie geplant war, eine ziemlich problematische Entstehungsgeschichte. Erst verlor Daniel Armstrong kurz vor Drehbeginn seinen Job, und wenig später verletzte sich auch noch der Produzent so schwer, daß er operiert werden mußte, wodurch sich das geplante Budget quasi in Nichts auflöste. Trotzdem schaffte man es, etwa sechstausend australische Dollar (damals knapp fünftausend Euro) auf die Beine zu stellen, um das Projekt umsetzen zu können. Bezahlt wurde angeblich niemand; weder die Leute vor noch die hinter der Kamera. Aber all der Einsatz, die Mühe, der Verzicht und der Schweiß lohnten sich letztendlich. MurderDrome feierte im November 2013 in Melbourne seine Premiere und wurde im Folgenden unter anderem nach Großbritannien, Kanada und in die USA verkauft. Daß der kultige Streifen bei den zahlreichen Roller Derby Clubs rund um die Welt gut ankam und gerne gezeigt wurde und wird, versteht sich fast von selbst. Kein Wunder, wird hier doch geskatet bis zum Umfallen. Und die Damen scheinen die Coolness mit der Muttermilch aufgesogen zu haben.
Ist die Grundstory (Roller Derby Skater Chicks vs. Skater Demoness from Hell) schon ein kleiner, origineller Geniestreich, so setzt Armstrong mit der Umsetzung noch einen drauf, und zwar in allen Belangen. Visuell ist MurderDrome eine Wucht! Von den ungewöhnlichen Schauplätzen über die artifizielle Szenenausleuchtung bis hin zum Outfit und Styling der Figuren, das ist alles erste Sahne, wenn auch ungeheuer eigenwillig. Armstrong nimmt die Geschichte und die Figuren ernst, aber nicht zu ernst. Man merkt, daß ihm an den Charakteren etwas liegt, weshalb es auch schmerzt, wenn sie von Momma Skate der Reihe nach massakriert werden. Goretechnisch wird eine bunte Melange aus praktischen Effekten und CGI geboten, wobei es sehr hart aber nicht übermäßig blutig zur Sache geht. Ich bin kein Fan von Pixelsplatter, aber hier fügt er sich nahezu perfekt in den künstlichen, stilisierten Look des Streifens ein. Armstrong drückt von Beginn weg aufs Gaspedal, gönnt seinen Protagonistinnen jedoch auch die eine oder andere Verschnaufpause zwischendurch. Die Action ist wild und dynamisch, die Stimmung dicht aber unwirklich, auf der Tonspur dröhnen fast unaufhörlich coole Rock-, Metal-, Psychobilly- und Punksongs (u. a. von The Dark Shadows, The Mercy Kills, The Sin & Tonics, The Jacks und The Murder Rats), und das ganze Szenario ist so dermaßen mit Energie aufgeladen, daß man die Luft um sich herum förmlich davon vibrieren meint.
Im schauspielerischen Bereich gibt es zwar Defizite, was niemanden verwundern sollte, da die Cast aus vielen Roller-Derby-Mädels besteht, aber vielleicht sorgt gerade dieser Aspekt dafür, daß sich die Figuren echt anfühlen und daß man sie ungern sterben sieht. Der Rollerskates-Gimmick wird bis ans Limit ausgereizt; so scheinen die fetischisierten Chicks ihre Rollschuhe niemals auszuziehen, egal, wo sie sich befinden. Probleme gibt es auch mit dem Drehbuch, das teilweise etwas überfrachtet und verwirrend ist, wodurch in weiterer Folge auch der Erzählfluß und die Dramaturgie leiden. Aber gerade weil MurderDrome manchmal heftig holpert und stolpert und seine rauhe Fassade mit den vielen Ecken und Kanten, an denen man sich den Kopf stoßen oder die Knie aufschürfen kann, nicht verschämt überspielt sondern stolz und selbstbewußt ins grelle Licht rückt, fühlt er sich so frisch und originell und geil und (im guten Sinne) speziell an, daß er klar und deutlich aus dem B-Movie-(Ein)Topf heraussticht. Daß der wilde, angenehm schrullige Ozploitation-Streifen zudem auch verdammt cool und witzig und sexy und ungemein sympathisch ist, daß er visuell beeindruckend umgesetzt wurde, und daß er vor Herzblut und Leidenschaft beinahe überquillt, sichert MurderDrome einen Spitzenplatz im Ranking meiner All-Time-Lieblings-Slasher.