Das Regiedebüt von Nick Cheung, einem ehemaligen Polizisten, der seit 1989 anfangs als ebensolcher, bald dann vermehrt als Komödiant und schliesslich als Drama-Darsteller und dies zahlreich ausgebucht in mittlerweile über 80 Filmen besetzt wurde. Die neue Karriere als Regisseur selber nur ein weiterer Schritt einer Karriere, die in den letzten Jahren vermehrt Anklang sowohl bei Publikum als auch – und dies ist neu – bei den Kritikern fand; Cheung gehört momentan zu den mit gefragtesten Leuten vor der Kamera, so dass der Gang dahinter eher ungewöhnlich, Ausdruck einer eigenen Meinung und neu gewonnenen Sicherheit darüber ist. Dabei sind sowohl dieses Werk, Hungry Ghost Ritual als der erste Gehversuch, als auch Keeper of Darkness (2015) gleich im Anschluss ganz ungewöhnlich für den Mann bzw. seiner bisherigen Erscheinung und der dazugehörigen Filmographie im (routinierten) Horrorgenre angesiedelt:
Nach dem Scheitern seines Gewerbes aufgrund eines von aussen durchgeführten Betruges und der auch aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten durchgeführten Trennung seiner Lebensgefährtin, kehrt Zong Hua [ Nick Cheung ] mit leeren Händen zu seinem Vater Xiaotian [ Lam Wai ] nach Malaysia zurück. Als dieser aufgrund einer schweren Erkrankung die bisherige Tätigkeit als Leiter einer lokalen Chinesischen Oper kurz vor der so wichtigen Saison aufgeben muss, soll der gänzlich unerfahrene Zong übernehmen, sehr zum Unmut der übrigen Entourage und auch der Halbschwester Jing Jing [ Cathryn Lee ], die zwar auch kein Interesse daran hat, aber um ihr Erbe fürchtet. Einzig die Hauptdarstellerin Xiu Yin [ Annie Liu ] ist Zong am beistehen, doch so richtig tröstet diesen das nicht. Schon bei Ankunft im Land lebt er mit merkwürdigen Erscheinungen und allerlei Trugbildern, die allerdings auch nach dem Installieren von Überwachungskameras immer noch da sind und bald auch auf andere Personen übergehen.
Nach eigenen Aussagen ist das anfangs auch als Yu Lan Magic betitelte Werk – Yu Lan ist das Hungry Ghost Festival, welches am 14. Tag des 7. Mondmonats stattfindet – bewusst als lokaler Film und ebenso bewusst als Reminizenz an entsprechende werke der (frühen) Neunziger Jahre, als eine Art Rückkehr zu den Wurzeln der damaligen Gesinnung und Darstellung des eigenen Respektes davor gesetzt. Cheung, der an der Geschiche zusammen mit Hauptautor und Ausführenden Produzenten Adrian Teh mitgeschrieben hat, hat mit den seinerzeitigen Vorfällen nichts zu tun; genausowenig wie Teh aus dem Genre stammt und ebenso für Komödien bekannt ist. Beide aktivieren hier dennoch oder gerade deswegen eine düstere Ernsthaftigkeit, die als Geschichte eines hier und jetzt komplett wirkenden Mannes mit schlechter Vergangenheit und düsteren Zukunftsaussichten ebenso funktioniert wie auch als das gewohnte Gruselspektakel, in dem Dinge geschehen, die nicht sein dürfen und vielleicht eigentlich auch gar nicht da sind.
Dabei hat Cheung eigentlich nur Shiver (2003) im eigenen Repertoire, geht auf diese neue Aufgabe der Inszenierung der Materie von Paranoia, Possession, des Zusammentreffens mit dem Unerklärlichen und des Verschiebens von der Unterwelt in die Gegenwart dabei ähnlich wie im Film selber als Unwissender heran, der die neuen Dinge mit anderen Augen und aus der Perspektive des Außenseiters sieht. Hier das Medium Film und sein Regisseur, dort die Kantonesische Oper, die auch für etwas ausgestorben, etwas heiliges, und für viel Teamarbeit und das Ineinanderspielen unterschiedlicher Faktoren und Subjekte für den einen Moment der Darbietung steht. Eine Aufführung, die nur funktioniert, wenn der Eine den Anderen unter die Arme greift und trotzdem Einer das Sagen hat; auch wenn er neu in der Umgebung ist und sich damit noch nicht auskennt.
Eine Übung, die ein paar Booh - Effekte zuviel hat, andere dafür allerdings mit Timing und Präzision, mit AUßenwirkung auch umsetzt, und durch eine langsame und abgeschottet wirkende Erzählweise auch tatsächlich die nötige Verunsicherung und die obligate Zerrissenheit der Hauptfigur mit seinem Umfeld und den Zwiespalt zwischen dem Gesehenen, dem Geglaubten und dem Tatsächlichen hervorruft. Die bösen Omen kommen dabei schnell, die Prophezeiungen, dass man fehl am Platze ist, die unwirklichen Vorfälle, bei denen Geräusche aus Ecken kommen, wo nichts ist, und all das Geld, die Geschenke und die Rituale zum Bannen von Geistern bald nicht mehr hilft. Dabei ist Zong Hua schon von Beginn an nicht richtig in dieser Welt, verträgt er das Klima nicht, ist von der Familie entfremdet und kennt die anderen Leute, die Theaterfamilie schon mal gar nicht und wird auch nicht akzeptiert. Eine Rückkehr, die mindestens eine Dekade zu spät kommt, und nun, nach Mißerfolgen woanders inklusive Schulden und einer gescheiterten Beziehung auch eher ein zu Kreuze kriechen ist. Der einzige Mensch, der ihn vornahmslos akzeptiert, liegt bald im Krankenhaus, während der vermeintliche Neuanfang mit Xiu Yin nur für ihn und nicht für sie existiert und eigentlich auch eher der Anfang vom Ende und ein Schrecken ohne Ende ist.
Basierend auf dieser Depersonalisation von Zong Hua ist auch die Inszenierung eher fröstelnd kühl, mit wenig Ablenkung oder anderen Möglichkeiten des Zuruhekommens und der Weltenflucht vorhanden. Außenaufnahmen oder gar das Zeigen von Kuala Lumpur, dass die malaiische Co-Produktion in seinem Set und Setting hervorheben könnte, wird nahezu vollständig vermieden. Die Farbe ist zurückgedreht. Das Licht schal und gedämpft. Die Darsteller distanziert. Selbst das wenige Zuruhekommen durch den Schlaf birgt beim Aufwachen gleich mehrfache Schreckenserlebnisse, die Bilder von Überwachungskameras – u.a. eine Aufnahme vom Fahrstuhl im Krankenhaus, die explizit an den mysteriösen Tod der kanadischen Studentin Elisa Lam im Cecil Hotel in Los Angeles angelehnt ist – manifestieren die Ängst nur noch mehr als dass sie sie ausräumen, und die fehlenden oder schwachen Erkärungsversuche im Drehbuch machen die Sache auch nicht besser.