Review

Beziehungen und Abhängigkeiten, aus diesen Zutaten werden die besten Filmstoffe gemacht, wenn man auf der realistischen Schiene als Filmemacher verbleibt oder wenigstens seinen Figuren ausreichend Interesse entgegen bringt, um sich in sie zu vertiefen.
Im Falle von „Meine beste Freundin“ ein zwiespältiges Vergnügen, denn Regisseurin Sandra Goldbacher kann in diesem Fall nicht widerstehen, ihren ersten größeren Film ein wenig mit Außenreizen zu überladen.
Wenn einen dieser Film jedoch im Nachtprogramm überraschen sollte, dennoch eine beklemmende Erfahrung.

Im wesentlichen geht es in „Me without you“ (der englische Titel geht das Kernproblem an, während der deutsche wirklich gallebitter zu verstehen ist) um einen Freundschaftspakt zweier Mädchen, in der Jugend geschlossen, der zu einer jahrelangen Abhängigkeit führt, die keine von beiden glücklich macht.
Anhand von zwei Rahmen- und drei Kernepisoden vergehen gut 30 Jahre vor den Augen des Zuschauers. Angefangen mit dem Pakt als Kinder führt die erste Phase, 1973, das Verhängnis schon in Ansätzen vor. Die exzessiv lebende Marina, die auf ihrer ersten Party komplett durchknallt, die eher introvertierte Holly, die in ihrem Strudel mitschwimmt. Alkohol, Drogen, Sex. Alles mit 13.
Das Herzstück des Films dann nach einem Sprung in das Jahr 1982, Punk stirbt, New Wave kommt. Zwei Studentinnen sind sie nun und beide beginnen ein Verhältnis mit einem ihrer Professoren. Während sich Holly hineinstürzt, weil Marinas Bruder nun verheiratet ist und ihr Dozent ihr Substanz vermittelt, scheint Marina ein diebisches Vergnügen daran zu finden, gerade den intellektuellen Gegensatz in Körperlichkeiten zu ersticken. Als Marinas Bruder Nat auch noch in das Spiel gemischt wird, kommt es zum Eklat.
Gegen Ende der 80er ist die Berufswelt nun über sie hereingebrochen, doch die alten Probleme sind nicht besser gewesen. Die Beziehungen, die sie leben, sind forciert; die alten Wünsche und Sehn- und Eigensüchte unverändert und eine Neujahrsparty bringt schließlich alles an den Tag. Und auch bei den Mädchen platzt der Knoten.
Eine Schlußvignette aus dem Jahr 2001 zeigt jedoch, daß sich Geschichte wiederholen kann.

Form über Inhalt wäre ein wesentlicher Kritikpunkt für Goldbachers Film, fordert aber auch zu Lob heraus. „Me without you“ ist visuell, musikalisch und atmosphärisch so überladen, als würde hier haarscharf an der Grenze zur Überspitzung gearbeitet. Der „Gothicrausch“ der frühen Teenagerpartys, das bemühte Boheme-Punk-Leben der Mädchen, Anna Friels unmöglicher Wave-Look, Michelle Wiliams im besten Post-68er-Poeten-Modus und die Yuppie-Episode der kühlen 80er, das ist alles dick aufgetragen. Kann so aber durchaus mit einem Augenzwinkern und einem kleinen Rausch genossen werden und sorgt für eine dauerhafte Anspannung beim Zuschauer, in welche verderbliche Richtung sich die Beziehung der beiden noch entwickeln wird, ohne daß sie sich selbst weiterentwickeln können.
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Denn die Story gibt über die 90 Minuten Laufzeit nicht genug her, um wirklich mal ein Staunen zu verbreiten.
Vielmehr scheitert das Skript schon daran, die Ambivalenz der Beziehung ausgeglichen darzustellen. Friels Marina erscheint über fast die ganze Laufzeit als egoistische und ihre Freundin ausnutzende Zicke, die mit nichts zufrieden scheint, während Williams Holly die Empfindsame und Leidensfähige spielt. Daß keine von beiden so ihren nötigen Atemrhythmus zum Leben finden, kommt zwar rüber, aber was beide aneinander bindet, außer dem Extremen ihrer Beziehung kann der Film nicht transportieren. Allerdings kann man das auch als betont realistischen Touch betrachten, denn das Ausnutzungsverhältnis findet man in vielen Freundschaften wieder, hier ist es nur ein faustischer Pakt, der langsam aber sicher krank macht.

An Plotelementen sind dann auch zu viele Klischees versammelt: der angehimmelte Bruder, der spät, aber nicht zu spät merkt, wer ihn wirklich liebt; der Prof, der sie ausnutzt und sich dann überlastet fühlt (Kyle McLachlan spielt mal wieder typisch knapp an der Sympathie vorbei) oder die am Ende alles brechende Schwangerschaft.
Am Schluß zitiert Goldbacher mit der Flucht im Bus tatsächlich „Die Reifeprüfung“, dabei kann sie sich in dieser Adoleszenzstory mit sowas gar nicht schmücken, weil alles relativ platt an der Oberfläche bleibt. Auch die Auflösung kann nicht mehr mit großen Offenbarungen aufwarten, es bleibt nur Erleichterung über die Einsichten und der schleichende Verdacht, daß sich Geschichte in der nächsten Generation wiederholen könnte..

Dem Zuschauer bleibt nichts anderes übrig, als sich von dem Drama treiben zu lassen und die Bilder auf sich wirken zu lassen. Und die sind erlesen, die Bildsprache genau so brilliant, wie der Plot sein sollte, der Score zeitgemäß mitreißend und ein bitterer Humor kommt auch immer wieder zum Tragen.
Ein Lob den Darstellern, die sich der Plattheit durch Hingabe immer wieder entziehen, auch wenn Williams hier letztendlich locker besser abschneidet.
Sicherlich ist es kein Feinschliff des Personendramas, sondern etwas gröber gehobelt, aber dafür auch in keiner Szene in Gefahr zu erstarren. Geschmackssache - aber auf bizarre Art und Weise einer meiner persönlichen Favoriten (9/10)

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