Review

Wo ich gerade bei Bert I.Gordons Riesentomatenheuschrecken war, könnte ich mir ja auch gleich noch ein Thrillerchen vom Meister des Mikrobudgets gönnen, denn die waren meistens besser als seine tricktechnischen Ausflügen ins Monsterfach (wenn auch nicht so gut wie seine Fantasyausflüge).

Irgendeine arme Seele hat nun endlich mal sein „Picture Mommy Dead“ von 1966 hochgeladen, der bei uns den sehr beeindruckenden Titel „Das Kabinett der blutigen Hände“ trägt. Tatsächlich holt sich die Protagonistin zwar bei der Zerstörung eines Portraits besagte rote Pfoten, aber daraus gleich einen Titel zu schneidern ist doch ein wenig gewagt.

Offensichtlich inspiriert von „Psycho“ und der der ganzen Psychopathenwelle, die im Kielwasser all over the World losgetreten wurde, ist Gordon hier auch einer psychologisch recht morbiden Sache dran: der derangierten Familie!
Geschehen ist vor ein paar Sommern Folgendes: Mama Jessica hat bei einem Schlafzimmerbrand den Löffel abgegeben und Teenager Susan hat seitdem eine flotte Macke am Hut, weswegen auch die Nonnen im nahen Psychokonvent auf sie acht gegeben haben. Nun hat sich aber Daddy verspekuliert, wohl auch weil die Ex-Gouvernante und Nun-Ehefrau Frances ein geldgeiles und luxusverwöhntes Miststück war und ist. Da die Kohle als Fonds angelegt ist, bis Susan 25 oder tot ist (aha!), braucht Dad nun dringend Penunse, wenn möglich aus den Möbeln und den Gemälden im alten Herrenhaus.
Susan, deutlich angeschlagen, wie ihre geistlosen Kommentare beweisen, wird also heimgebracht, wo die ganz unsympathische Mischpoke über ihr zusammenschlägt. Frances macht auf mütterlich, Edward macht auf väterlich; der Schwager Anthony, dem bei der damaligen Rettungsaktion das Gesicht verkokelt wurde, grumpt sich mangels Berücksichtigung im Testament durch die Botanik und lässt häufiger mal seinen Greifvogel auf die Umgebung los. Der arme Vogel hat selbst ziemlich derbe was am Aggroventil und scheut sich auch nicht, ins Hausinnere einzufliegen.
Zwischen all dem unfreundlichen Gesindel logiert zu Beginn auch noch der missgestimmte Familienanwalt, dem in jeder Zeile anzuhören ist, dass er weiß welche gierige Pissnelken seinen Vollstreckerjob hier schwer machen. Die arme Susan scheißt er auch noch zusammen, weil die immer 10 min braucht, um auf einfache Fragen zu reagieren und dann meistens etwas thematisch Artfremdes von sich gibt.

Genügend Zutaten für einen brodelnden Potboiler, aber in der Ausführung zieht sich Gordons Film doch ein wenig wie Kaugummi. Gründe dafür gibt es reichlich.
Da wäre erstmal die starke Dialoglastigkeit: jede noch so kleine Fiesheit muss mehrfach ausdiskutiert werden, auch wenn dann später rauskommt, dass da der Eine mit dem Anderen paktiert hat. Weil sonst nicht so viel passiert, außer das Susan langsam aber sicher der Keks mürbe wird, werden wir mir reichlich Rückblenden versorgt, in denen dann auch die gute ZsaZsa Gabor als tote Mama ihr patent-joviales Ich-bin-so-reich-Lachen vom Stapel lassen kann. Wer sich die OV gibt, leistet anschließend auch noch Abbitte an Bela Lugosi, denn der ultraharte Akzent, den die Gabor ihren wenigen Textzeilen mitgibt, kann Glas zerschneiden.
Ferner scheinen sich die Bösen und die weniger Bösen nicht sicher zu sein, wo sie überhaupt hin wollen. Erst geht es um Möbel und Bilder, deren Verkauf genehmigt wird. Als die Gäste zur Auktion kommen, flippt Susan komplett aus und will sie alle aus dem Haus haben. Anschließend verlagert sich die Diskussion wieder aufs Erbe, also geht man eine Weile davon aus, dass man die Kleine in den Suizid treiben will, doch dann geht es nur noch um ein verschwundenes Klunkerhalsband, dass die Lütte in der Todesnacht versteckt und das Versteck dann vergessen hat.

Geschickt agiert Gordon, wenn er Susan einer Umgebung aussetzt, die sie fortwährend ihrem Trauma neu aussetzt, inclusive eines komplett identisch neu eingerichteten Todeszimmers. Das führt dann später auch zu der besten Sequenz, einer verblüffenden Parallelmontage aus „damals und heute“, die zufällig mit den gleichen Mitteln und den fast gleichen Personen aus den gleichen Gründen stattfindet.

Doch es gibt einen weiteren Schwachpunkt und der ist die Hauptrolle, die uns eigentlich nahe gehen soll und die wir sympathisch finden müssten. Also hat Regisseur Gordon seine eigene Tochter (die zu dem Zeitpunkt etwa 17 Jahre alt war) dafür gecastet, was zugleich Segen wie Fluch war. Denn Susan Gordon spielt die Rolle so täuschend echt – und hölzern akurat – wie ein langjähriges Psychoopfer, dessen weich geklopfter Keks nur noch selten Impulse nach innen zulässt. Mal agiert sie wie 25, mal wie 13, streckenweise spielt sie wie sediert, dann kreischt sie wieder rum, oft steht sie mit offenem Mund relativ geistlos den Dialogen der Anderen gegenüber. Mann kann das nun für genial oder amateurhaft halten, es gerät aber sehr anstrengend, der Figur nicht genervt entgegen zu brüllen, sie möge endlich mal eine Frage beantworten, die man ihr stellt. Das fiel wohl auch dem Autoren auf, der eben alle anderen Anwesenden diesen Job erledigen lässt.

Bevor der Film dann in ein abwechslungsreiches Finale mündet, sind dann aber auch schon 60 von 80 Minuten um und man hat (außer bei den Greifvogelangriffen) irgendwelche Höhepunkte schmerzhaft vermisst. Das Spiel mit den Parallelen wird immerhin ordentlich zu ende gedacht, aber anstatt aufgeputscht zu sein, wirkt das Finale wie ein ungewollter Weckruf, als man doch schon auf halbem Wege ins Bett war. Immerhin sind Don Ameche, Martha Hyer und Wendell Corey Profis genug, um diesen auf TV-Film-Niveau inszenierten Thriller dann noch ins Ziel zu bringen. In Brand gesetzt hat mich der Film, in dem so einiges in Flammen steht, aber nun nicht. (4,5/10)

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