Man muss sich schon ein wenig überwinden, dem neuen Film von Scott Derrickson eine Chance zu geben – nicht in erster Linie, weil Derrickson zuletzt die Chance ungenutzt ließ, aus dem Remake zu „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ etwas Zählbares zu verwerten oder weil „Sinister“ im Kern nicht ganz so gut ist wie sein Ruf, sondern weil das Exorzistenthema angesichts jüngster Beiträge wie „The Devil Inside“ fast schon ein Garant für Kokolores ist. Zudem hat Derrickson selbst schon Erfahrung im Genre dank des seinerzeit wohlwollend aufgenommenen „Der Exorzismus der Emily Rose“, der inzwischen jedoch an Relevanz verloren hat – was will er noch Neues bieten?
Damals mischte er Horror mit Gerichtsdrama, jetzt vermengt er ihn mit dem Polizeithriller, eine Kombination, die etwa im Medium Comic gebräuchlicher ist als im Film. Doch der Regisseur bewegt sich anfangs sicher durch die wenig erschlossene Grauzone zwischen beiden Genres, erzeugt mit effektiven Mitteln eine dichte Atmosphäre zwischen Großstadtgassen, die bei Nacht in Regen getaucht sind, und abgehalfterten Kellern und Fluren, die vor lauter Krempel überquillen. Die Kameraführung ist dabei zielgerichtet, aber hektisch und schnittfreudig, in intensiven Momenten wackelt sie auch wild; sie ist somit ein Abbild des sich verändernden Geisteszustands des Protagonisten.
Eric Bana bringt dieses anfangs so subtil inszenierte Abdriften in den vermeintlichen Wahnsinn mit genau der Nüchternheit herüber, die es braucht, um die phantastischen Aspekte des Plots unausgesprochen zu lassen, was Derrickson auch mit teils hervorragend umgesetzten Jump Scares quittiert, von denen vor allem eine im Zoo heraussticht: Wo der Zuschauer eine übernatürliche Bedrohung erwartet, ist es überraschend, die Gefahr letztendlich von einer ganz anderen Quelle ausgehen zu lassen, wodurch sie greifbar und real wird.
Erwartungsgemäß kippt der Film im weiteren Verlauf aber mit Einschreiten der von Édgar Ramírez verkörperten Figur eines klischeehaft gezeichneten Priesters mit dunkler Vergangenheit. Ramírez macht schauspielerisch das Beste draus, kann aber nicht verhindern, dass „Erlöse uns von Dem Bösen“ in seiner Begleitung zu jener reißerischen Posse wird, die man ohnehin von Beginn an erwartet hatte – inklusive routiniertem Austreibungsfinale, das audiovisuell ohne größeren Erfolg zu beeindrucken versucht, obwohl Sean Harris als Besessener durchaus Eindruck hinterlässt.
„The Rite“ lässt letztlich grüßen; „Erlöse uns von dem Bösen“ ist involvierendes, aber effekthascherisches Theater, das lange Zeit mit einer hochwertigen Thriller-Verkleidung beeindruckt, im Mittelteil langsam die Fäden verliert und am Ende erwartungsgemäß den Teufel aus der Box springen lässt.