Wer sich in den vergangenen Jahren auch nur entfernt mit Jugendkriminalität in Deutschland befasst hat, wird der Name der Jugendrichterin Kirsten Heisig ein Begriff sein. Sie schrieb das gleichnamige Sachbuch, welches sich unter anderem mit dem Neuköllner Modell befasste.
Der vorliegende TV-Film unter der Regie von Christian Wagner beschreibt den Weg einer unbequemen und mutigen Frau, welcher definitiv zum Nachdenken anregt.
Jugendrichterin Corinna Klein (Martina Gedeck) wird in den Amts-Bezirk Berlin-Neukölln versetzt, wo sie mit dem Fall des libanesischen Drogenkuriers Nazir (Hassan Issa) und dessen dreizehnjährigen Bruder Rafiq (Mohamed Issa) konfrontiert wird. Um Rafiq vor seiner Strafmündigkeit eine Chance zu bieten, arbeitet Klein verstärkt mit Polizei, Schule und Gericht, doch damit löst sie eine ungeahnte Lawine neuer Gewalt aus...
Nicht ohne Grund heißt es "Die Mühlen der Justiz...", was primär auf die unnötig verkomplizierten bürokratischen Vorgänge zutrifft. Im Fokus des Geschehens steht eine Idealistin, die diese Starre aufzubrechen versuchte, indem sie auf eine möglichst rasche Bearbeitung von Straftaten pochte. Die engere Zusammenarbeit mit der Polizei wirkt hier zwar so, als würde sie mit einer Art Berlin-Schimanski auf Streife gehen und das angedeutete Love Interest hilft der Dramaturgie wenig, doch die düstere, teils fast schon hoffnungslose Grundstimmung transportiert den Teufelskreis im Brennpunkt Neukölln recht treffend.
Natürlich sind nicht alle Jugendlichen mit Migrationshintergrund automatisch Straftäter, was der Streifen ein wenig einseitig darstellt und dabei auf einige Klischees zurückgreift, einschließlich des geklauten Pontiac mit entsprechender Mucke im Auto.
Anderweitig geht es auch um das Thema Integration, wobei sich herauskristallisiert, dass Täter oftmals Opfer ihrer Familie sind und auch hier die Bürokratie versagt, wenn ein arbeitswilliger Familienvater wegen irgendwelcher Klauseln erst gar nicht arbeiten darf und der Familie somit die Kohle fehlt.
Ein Teufelskreis, der irgendwie schwer zu durchbrechen ist.
Wagner hat den Stoff insofern recht gut verpackt, als dass er eben jene Probleme aufzeigt, die Brisanz des Themas an der Wurzel packt und dabei nur sehr selten eine fragwürdige Stellung einnimmt ("Sie brauchen kein Geld, sie sollten Deutsch lernen").
Gedeck spielt recht nuanciert, wirkt dabei jedoch etwas zu sehr wie eine beschützende Mutter, während die Richterin etwas zu lasch daherkommt. Die übrigen Mimen performen ebenfalls überzeugend, während sich der eher zurückhaltende Score gut der ruhigen und nur selten aufgeregten Erzählweise anpasst.
Über die Handlungen der Richterin Heisig und über die Spekulationen, ob es denn nun Suizid oder ein gut vertuschter Mord war, mag man denken, was man will. Tatsache ist jedoch, dass der Film Diskussionen aufwirft in Bezug auf Strafmündigkeit, Prävention, soziale Verantwortung und eine Umstrukturierung des Bürokratieapparates.
Inszenatorisch nicht immer ideal, erzählerisch nicht immer rund, jedoch intensiv genug, um sich mal eingehender mit dem Thema zu beschäftigen und den Streifen zu sichten.
7 von 10