"Welcome to New York" ist - wie einige andere Ferraras der letzten Jahre - keineswegs so enttäuschend schwach, wie es einem vom Gros der Kritiker vermittelt wird; es ist allerdings ein etwas seltsamer Film, der zwangsläufig eine gewisse Ratlosigkeit mitbringen muss... Die Seltsamkeit beginnt beim Titel: Was soll einem dieses Welcome sagen? Angesichts der unangenehmen Themen, die im Film verhandelt werden (Macht, Geld, Prostitution, Chauvinismus, Belästigung, Nötigung, Vergewaltigung, Gefängnisstrafen, Beleidigungen, Machtmissbrauch, Zweckehen, Gefühlskälte, Sucht, Egoismus), ist dieses Welcome eigentlich nur ironisch zu verstehen. Allerdings ist es ja nun gerade nicht New York, welches diese ganze Lawine unschöner Themen auslöst, sondern es ist die (französische) Hauptfigur Devereaux, die sich in einem New Yorker Luxushotel rücksichtslos gehen lässt.
Diese Hauptfigur ist indes gleich der nächste Grund, dem Film mit einer gewissen Ratlosigkeit zu begegnen: Sie wird eindeutig an Dominique Strauss-Kahn angelehnt, während zugleich Wert darauf gelegt wird, dass der Film letztlich fiktiv sei und weder die Ereignisse seit dem Sofitel-Sex-Skandal, noch die Personen wahrheitsgetreu wiedergebe. Welchen Wert kann man einem biographischen Film entnehmen, der sich gerade dem Mysterium, der Leerstelle in der Biographie der Hauptfigur widmet? (Scheinbar wird einem diese Frage auch in Ferraras "Pasolini" (2014) in den Sinn kommen müssen.)
"Welcome to New York" nutzt also reale Personen und Ereignisse, um eine freie Spekulation zu entwickeln, die nur noch Aussagen zulässt, die kaum etwas über ebendiese Personen und Vorfälle verlauten lassen - aber einiges über die bereits genannten Themenfelder. Strauss-Kahn, der nach dem, was er selbst eine "unangemessene Beziehung" nannte und was von der Gegenseite als Vergewaltigung beschrieben worden ist, noch durch einen sexuellen Übergriff auf Tristane Banon, die Patentochter seiner zweiten Ehefrau, und aufgrund einer Anklage wegen Zuhälterei von sich reden machte, hat nach Sichtung des Films, in dem ein monströs aufgedunsener Gerard Depardieu - der zuletzt weniger durch sein Talent, sondern durch öffentliches Urinieren, Alkohol-Exzesse und seine Haltung zu Russland aufgefallen ist - ihn als ordinären, vulgären, egoistischen, groben & grunzenden & schnaufenden Unsympathen gibt, trotzdem Anklage wegen Verleumdung erhoben: nach Angaben seines Anwalts, der den Film etwas polemisch als "une merde, une crotte de chien" bezeichnete, hat er den Film dabei noch nicht einmal gesehen.
Auch unparteiischere Kritiker fanden an dem Film oftmals wenig Gefallen: Lars-Olav Beier schrieb im Spiegel von "eine[m] kopulierenden Gérard Depardieu in der Endlos-Schleife" und stieß sich am Ausmaß der weitgehend dialog- & gehaltlosen Sexszenen; dabei sind es diese Szenen, die nicht nur in einer sehr sinnlichen, aber keinesfalls angenehmen Weise vermitteln, wie besitzergreifend der durch Macht & Reichtum motivierte Sex zwischen alten (und nicht unbedingt ansehnlichen) Männern und jungen, attraktiven Frauen sein kann, sondern die gerade über ihre Länge und Häufigkeit zu Beginn des Films den Eindruck völliger Selbstverständlichkeit dieses Besitzergreifens und Machtausübens erwecken... und es ist diese vermeintliche Selbstverständlichkeit, welche die völlig schiefe Selbstwahrnehmung der Hauptfigur - die quasi aus allen Wolken fällt, wenn Außenstehende mit diesen Exzessen konfrontiert werden - begünstigt und die späteren, kleinen Dramen im Gefängnis und im Ehestreit in einem Licht erscheinen lassen, in welchem sie ansonsten gar nicht stehen könnten.
Der ausgewalzte Exzess zu Beginn des Films ist nötig, um dieses Aus-allen-Wolken-Fallen der Hauptfigur glaubwürdig geraten zu lassen: "Welcome to New York" blickt nicht aus der Perspektive der Öffentlichkeit auf die nur durch Zeugenaussagen vermittelten Eskapaden, von denen sich niemand so recht ein Bild machen kann oder bloß zu machen wagt, sondern der Film blickt - sehr dicht an der Hauptfigur, ohne jedoch deren Perspektive zu übernehmen - fortwährend auf den Exzess. Und erst dadurch wird begreifbar, wie sehr die im Film geschilderten Probleme vor allem auch Kommunikationsprobleme sind - und zwar ohne dass dabei die Schwere einer Tat oder die Schuld eines Täters relativiert werden würden. Und der Umstand, dass die jüngsten Debatten in Frankreich zum Thema der Prostitution auch vor Strauss-Kahns Verfahren (im Fall der angeblichen schweren Zuhälterei) geführt werden, gibt Ferrara zumindest teilweise Recht, dass nicht allein Handlungen von Einzelnen, sondern auch der gesellschaftliche Umgang mit Körpern, deren Verwertbarkeit und der Prestigeträchtigkeit von Status & Vermögen erheblich dazu beiträgt, eine Basis zu schaffen, auf welcher auch einige der Strauss-Kahn-Affären letztlich fußen.
In einer Umgebung, in der es gang und gäbe ist, dass Geld und Status erfolgreicher Männer junge Frauen dazu veranlassen, ihre Körper zu verdingen, mag der Gedanke, dass man sich Frauenkörper immer und überall verfügbar machen könne, naheliegend zu sein. Devereaux, der sich selbst eine Sexsucht attestiert und infolgedessen gar keine Verantwortung für seine Taten zu übernehmen gedenkt, wird diese Haltung zum Verhängnis, als er nach einer aufregenden Nacht nackt aus dem Bad seines Hotelzimmers kommt, auf ein dickleibiges, farbiges Zimmermädchen stößt und es für angemessen hält, sie zu einem Blowjob zu nötigen, dem sich die Frau jedoch mit allen Mitteln verweigert: ob es tatsächlich zum Blowjob kommt oder ob der wichsende Devereaux der Frau "nur" ins Gesicht ejakulieren möchte - wie er es später seiner Frau gegenüber beschreibt -, ist dabei nicht zu erkennen. (Um so irritierender ist es dann - trotz aller Ablehnung solch eines Übergriffes -, die entschiedene Sicherheit der Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude zu bemerken, deren Vergewaltigungsvorwurf offenbar auf einer Vorverurteilung des Angeklagten bzw. Freigesprochenen basiert, von dessen Verhalten man ausschließlich über die Aussage der Klägerin Kenntnis nehmen konnte.) Devereaux, der bislang die schönsten Vertreterinnen des käuflichen Gewerbes befummeln konnte, wie er es wollte, sieht in der Ablehnung des weniger den Schönheitsidealen entsprechenden Zimmermädchens höchstens eine ärgerliche Schlappe - und in seiner Nötigung offenbar eine recht harmlose Derbheit, die mit sonstigen Nummern kaum zu vergleichen ist; die Frau hingegen fühlt sich (zurecht) vergewaltigt und steht unter Schock. Als - pardon! - egoistisches Arschloch, das seine eigenen Entgleisungen gar nicht zu bemerken scheint, sieht sich der weitestgehend entmachtete Diplomat nach seiner Verhaftung dem Hohn der (überwiegend farbigen) Wärter im Gefängnis ausgesetzt, die sich ihre Autorität zunutze machen, um dem zugegebenermaßen arg unsympathischen Häftling beispielsweise seine krasse Fettleibigkeit in gehässigen Kommentaren vorzuhalten. Das wiederum rückt Devereaux nun noch stärker in die Opferrolle, in welcher er sich ohnehin schon wähnt: Von seiner Schuld lenkt er mit Geständnissen seiner Sexsucht ab, in dem Skandal mutmaßt er eine politische Intrige - was teilweise durchaus nachvollziehbar ist, wenn man sich die Auswirkungen des Skandals vor Augen führt, über dessen detaillierten Ablauf eigentlich nur Täter und Opfer Bescheid wissen können. Und dann gibt es noch die Familie des Mannes, der sich stets sehr unsensibel nimmt, was er will: eine Gattin, die fast bloß eine Zweckehe mit ihm eingegangen zu sein scheint und mit Bestechungsgeldern die schlimmsten Übel fernzuhalten scheint, und eine Tochter, welche von manchen Fehltritten des Vaters zwar peinlich berührt zu sein scheint, ihn aber dennoch entschuldigt und sein Naturell als Erklärung anführt - Devereaux kann halt nicht anders...
Ferrara bietet keine geschlossene Dramaturgie an, sondern präsentiert episodenhaft ein Netz aus Zusammenhängen, welches die Fehltritte der eindeutig unsympathisch gezeichneten Hauptfigur auf interessante Weise kontextualisiert: Devereaux gebärdet sich wie ein Arschloch und verhält sich zutiefst egoistisch, ist aber nicht zuletzt ein Produkt der Gesellschaft, in der er lebt. Ferrara relativiert nicht die Schuld seiner Hauptfigur und er spricht ihren Mitmenschen allenfalls teilweise eine Mitschuld zu; die Qualität des Films liegt darin, dass Ferrara eine Vernetzung von Verhaltensweisen präsentiert, dass er nicht einen Unhold präsentiert, der aus sich heraus wütet, sondern - trotz des Rechtsstreits - im Einklang mit seiner Umgebung agiert, deren Bewertung dann jede(r) im Publikum für sich selbst vornehmen muss.
"Welcome to New York" ist also ein Film, der sein Publikum dazu anstiftet, sich grundsätzlich über verschiedenartige Zusammenhänge Gedanken zu machen, anstatt alle Skandale und Untaten im engsten Spannungsverhältnis zwischen Tätern und Opfern zu verhandeln. Damit besitzt der Film eher eine soziologische, erkenntnisphilosophische Qualität und taugt als Biopic nur sehr begrenzt: Strauss-Kahns Skandal(e) vor dem detailliert geschilderten Hintergrund der Prostitution darzubieten wird dem konkreteren Ansatz des Biopics und dem allgemeineren Ansatz gleichermaßen gerecht. Darüber hinaus spielt Depardieu hier mit einer lange nicht mehr von ihm unter Beweis gestellten Wucht: Sie allein wäre Grund genug, sich dieses Ferrara-Spätwerk anzuschauen.
7/10