Ich kann die Verrisse über "Hämoglobin" nicht nachvollziehen. Natürlich ist die B-Movie Skala, auf der "Hämoglobin" seinen Platz irgendwo im besseren Mittelfeld findet, nach oben hin noch ein gutes Stück weit offen. Gemessen an anderen Vertretern des B-Movie Horror Genres, allerdings auch ein gutes Stück weit nach unten. Da gibt es wirklich ganz andere Gurken.
Wer Filme mit einer logisch stringenten Hintergrundstory bevorzugt, in der Handlungen und Motive plausibel ausgearbeitet und abgestimmt sind, der dürfte in diesem Genre ja wohl ohnehin meist falsch liegen. Oder anders gesprochen: ich kann mich kaum an einen Splatterhorrorstreifen mit Alibihandlung erinnern, oder an einen Zombiefilm, bei dem die Dialoge lediglich zur Überbrückung zwischen den Metzelszenen dienen, welcher nicht dennoch Bestnoten erhielt, solange nur die Action vorhanden war, wegen der man solche Filme bisweilen ansieht. Dass bei einem Zombiefilm per se Glaubwürdigkeit und Plausibilität vielleicht nicht unbedingt die wichtigsten Kriterien darstellen, davon bin ich bislang jedenfalls ausgegangen.
Ich gebe ja zu, dass die Erzählweise in "Hämoglobin" (leider) stark zur Vereinfachung neigt und auch einige Zusammenhänge an den Haaren herbeigezogen sind. Zudem hat man es nicht gerade mit Charakterschauspielern zu tun - sowohl Haupt- als auch Nebenrollen bleiben eindimensional. Doch würde ich diese shortcomings grundsätzlich als dem Genre immanent bezeichnen. In manch anderen B-Movies wurde mit dieser Problematik sicherlich eleganter umgegangen. In noch wesentlich mehr Filmen ist dieses Defizit allerdings deutlich ausgeprägter und der Wirkung abträglicher, als in "Hämoglobin".
"Hämoglobin" lebt in erster Linie von der stimmigen Atmosphäre, den wirklich schönen locations und grundsätzlich von einer gewissen morbiden Melancholie. Echte Spannung ist nur stellenweise geboten, ansonsten herrscht eine düster, unheimliche Grundstimmung vor. Die deformierten Mutanten passen in ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten wunderbar in das beklemmende Gesamtbild. Wer H.P. Lovecraft mag, wird einige von dessen literarischen Motiven in der Story wiedererkennen. Trotz einiger blutiger Szenen ist "Hämoglobin" kein Splatterfest - wer dies erwartet, sollte sich nach einer Alternative umsehen. Vielmehr läuft die Geschichte um John Strauss von Anfang bis Ende auf ein tragisches Drama hinaus, eine Art Selbstfindung, welche in eine Horrorgeschichte eingebettet ist. Guillermo del Toros "Cronos" verbreitet stellenweise eine ähnliche (schwermütige) Grundstimmung, nur dass bei "Hämoglobin" der entsprechende makabre Humor gänzlich fehlt.
Zu den Leistungen der Schauspieler: keiner der Beteiligten ist wirklich über sich hinausgewachsen, wenn es darum ging, gegen die Defizite des Drehbuchs anzuspielen. Für einen B-Movie sind die Leistungen aber durch die Bank absolut im grünen Bereich. An ein paar Stellen kommen sogar wirkliche Emotionen rüber, hier sei z.B. die Liebesszene zwischen John und Kathleen zu nennen, die mehr als selbstzweckhafte Schauwerte bietet. Hier schafft es der Film eine wirklich ganz einzigartige Stimmung entstehen zu lassen, indem die fiebrige Leidenschaft der beiden Liebenden, kulminierend in einem äußerst überzeugenden Höhepunkt von Kathleen, die ganze Zeit über von trauriger, wehmütiger Musik kontrastiv unterlegt ist. So wird das tragische Ende hier quasi schon vorweggenommen.
Fazit: "Hämoglobin" sollte auch unter dem Gesichtspunkt der Rahmenbedingungen bewertet werden, unter denen er entstanden ist. Als B-Movie ist er somit 6.5 / 10 Punkten wert (inkl. einem leichten - völlig subjektiven - Bonus für die lovecraftschen Anspielungen) und somit absolut sehenswert. Man hüte sich nur vor falschen Erwartungen.