Bearbeiten wir das mal zweigeteilt, denn das funktioniert sicher besser:
Visuelle Rezeption: "Audition" ist, wie alle Filme von Miike, nur mit Schwierigkeiten konsumierbar, was nicht zuletzt an der wohl beabsichtigten Aussage liegt, wenn es denn definitiv eine gegeben hat.
Was überall anklingt (und damit auch richtig ist), man braucht für den Film viel Ruhe und Geduld. Nahezu eine Stunde lang passiert hier nicht viel Aufregendes. Ein Witwer mit Sohn, der sich nach dem Tod seiner Frau in die Arbeit gestürzt hat, läßt über einen TV-Produzenten ein Vorsprechen organisieren, bei dem er eine faszinierende, zerbrechliche Frau kennenlernt, der er langsam näher kommt.
Miike arbeitet mit ruhigen Bildern, die schon beinahe an Stillleben erinnern, starre Totalen, die tatsächlich eine gewisse Poesie der Einsamkeit auszuströmen scheinen.
Erzählerisch ist das in der ersten Stunde nicht viel, allerdings kann man ahnen (der Zuschauer nimmt da die Position des mißtrauischen Produzenten und Freundes ein), daß mit der jungen Frau etwas nicht stimmt, denn bestimmte Vorzeichen und gewisse Nachforschungen enden im Nichts.
Der gemeinsame Sex bringt schließlich den Wendepunkt im Geschehen, wenn die junge Frau die universelle Fixierung seiner Gefühle auf ihre Person verlangt und später verschwindet. Jetzt macht sich unser Protagonist auf die Suche nach der Vergangenheit der jungen Frau und setzt langsam ein Puzzle aus einer grauenhaften Kindheit und einer monströsen Entwicklung zusammen.
In diesen Alptraum aus Tod und Verstümmelungen gerät der Zuschauer jetzt unvermittelt ebenso wie der Hauptdarsteller, eine Dimension des Wahnsinns, aus der es kein Entrinnen gibt. Und um den Zuschauer zusätzlich an die Realität des Geschehens zu fesseln, inszeniert Miike eine unmenschlich langgezogene Folterszene teilweise aus der Sicht des Opfers, garniert mit einem sanft-haßerfüllten Monolog der Wahnsinnigen, die eifrig und gleichzeitig zärtlich ans Werk geht . Zuvor schon montiert Miike eine fast Lynchsche Traumsequenz zusammen, die all die Bruchstücke des Wissens der Hauptfigur zusammenfaßt und in einen sexuellen und psychologischen Kontext zur eigenen Entwicklung setzt. Allein dieser Traum (der u.a. einen kaum faßbar Verstümmelten ins Bild setzt) ist in Farbgebungen und Gegenschnitten herausragend umgesetzt, ein ineinander verschwimmendes Vexierspiel vieler Szenen, die in der Ruhephase zu Beginn oft nicht gerade viel Sinn gemacht haben, aber nun resumiert werden.
Die Traumsequenz und vor allem die finale Folterszenen gehören zum Unangenehmsten, was in letzter Zeit im Kino war. Läuft schon bei der Wahrheitsfindung so mancher Schauer über den Rücken, wird das Gefühl der Unruhe von da an mit Minute stärker und kulminiert schließlich in einer würgend realistischen Szene, in der Akupunkturnadeln an bestimmten Stellen für entscheidenden Schmerz und eine Art Sägedraht für ein drastische Amputation sorgen. Wem hier nicht die Luft leicht knapp wird, hat mit sensorischer Abstumpfung zu kämpfen.
Der Film endet überraschenderweise dezent schwankend zwischen Realität und Vorstellung und noch dazu nicht im totalen Nihilismus, sondern mit einer zusammenfassenden Note, die einen bereits im Film gehörten Mono/Dialog in einen neuen Kontext setzt. Trotzdem ist tiefes Durchatmen vermutlich Pflicht, wenn die Schlußtitel beginnen.
Visuell also einer der feiner abgestimmten Filme Miikes, in Komposition stilsicher und nicht wild zusammengebastelt, sondern stilvoll, poetisch und schrecklich gleichzeitig.
Psychologische Rezeption: Was uns Miike wieder damit sagen will (wenn er das überhaupt will) steht auf einem ganz anderen Blatt. Oftmals scheint er bei seinen Arbeiten auf die visuelle Umsetzung an sich angesprungen zu sein und weniger auf den psychologischen Hintergrund.
Hier jedoch gibt es ggf. eine Menge zu diskutieren, wenn man den Film nicht als reine Unterhaltung nehmen will, was beinahe unmöglich ist. Was meiner Ansicht nach gut im Film untergebracht wurde, ist eine allgemeine Kritik an der japanischen Gesellschaft. Das wird zwar von den Figuren selbst in den Mund genommen, doch die Absicht geht mit der Entwicklung der Figuren noch tiefer.
Das Auseinanderfallen eines alten und modernen Japans, die hypermodern-übersexuelle aufgeklärte Jugend, die sich mit den traditionsbehafteten reifen Jahrgängen nicht mehr verträgt, sind hier der Ausgangspunkt. Da wird über Japans alte Tugenden, die verloren gingen, gejammert. Der Protagonist wünscht sich eine intelligente, weltoffene und doch demütige, verletzte und reife neue Frau; ein Mädchen, dem man sich überlegen fühlen kann, eine Vaterfigur, eine sexuell-schützende Omnipotenz, obwohl sich der Protagonist das nie eingesteht.
Diese Doppelzüngigkeit findet dann ihre Entsprechung in der Figur der Asami, die ein Produkt dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist: beschützt, behütet, gefördert und dann sexuell mißbraucht und körperlich mißhandelt, dieselbe Hingabe und Aufopferung verlangend, die unausgesprochen von den Männern gefordert wird oder hier von der Hauptfigur im Stillen gewünscht ist. Diese universelle Fixierung auf das Prinzip Mann und Frau kann jedoch im traditionellen Japan nicht umgesetzt werden und so endet dieses beidseitige Verlangen in Wahnsinn und Verstümmelung, wenn die Frau schlußendlich Konsequenzen aus der Nicht-Evolution der japanischen Gesellschaft zieht.
Wie gut das bisweilen gestrickt wird, beweist die Delirium-Trausequenz, in der visuell angedeutet wird, daß unser Protagonist seine Sekretärin rollentypisch für die Gesellschaft sexuell nicht richtig wahrnimmt oder sie für einen One-Night-Stand mißbraucht (und dann fallengelassen) hat, gleichzeitig seine aufgeklärt-fröhlich-lebensbejahende Haushälterin für sexuell "gefährlich" hält, ein untypische Entwicklung für eine japanische Frau.
Darin kommt auch ein latenter eigener Todeswunsch zum Tragen, wenn er im nie verarbeiteten Schmerz über den Verlust seiner Frau, in der Nachfolgerin ein entsprechendes Echo sucht, ein Opfer von Leid und Aufopferung. Daß ihr Leid den seinen übersteigen könnte, sie diesen verstanden haben und (wenn auch pervertiert) gegen die Gesellschaft einsetzen könnte, geht ihm in seiner Retro-Haltung nicht auf, die nicht auf Selbstreflexion fußt. Bis der Schmerz dann visualisiert wird, reell "einschneidet", multipliziert und so den "anderen" verständlich gemacht wird, durch die Opferperspektive der Kamera eins zu eins auf den Zuschauer übertragen.
Das ist fühlbarer Schmerz des Kinos, psychologisiert und dennoch von jener krass-realistischen Art, die keine Zweifel zuläßt. Hoffentlich ist die japanische Gesellschaft dafür schon reif. (8/10)