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Vorsicht, Spoiler.

Wer Takashi Miike, der große, neue japanische Regisseur, von seinen überdrehten Gewalt-und-Action-Epen "Dead or Alive", "Full Metal Gokodô" oder auch "Fudoh" kennt, der wird "The Audition" nicht im geringsten erwarten. Anders als die bunten, kaum zu bändigenden, oben genannten Adrenalinfilmen, nimmt er sich für "Audition" erst einmal sehr, sehr stark zurück, um dann im Finale schmerzhaft zu explodieren.

Miike erzählt uns zunächst in ruhigen, stilleben-artigen Kameraeinstellungen die Geschichte von dem Witwer Aoyama, der sich als Geschäftsfrüher in seiner Firma krumm arbeitet, um seinen Sohn ein gutes Leben zu finanzieren. Sohnemann Shigehiko mahnt ihn eines Abends, doch wieder zu heiraten. Aoyama merkt, dass die Idee nicht übel ist, und schwelgt in Phantasien von der perfekten Frau, und wie er diese am schönsten kennenlerne wolle. Sein Freund, der Spielfilmproduzent Yasuhisa macht ihm ein interessantes Angebot: Sie veranstalten ein Vorsprechen für eine Rolle in einem romantischen Film. Sie lassen hübsche, talentierte, musikalische Frauen im Alter von Mitte Zwanzig kommen, und Aoyama kann sich mögliche Heiratskandidaten herauspicken. Schon als er die Bewerbungsunterlagen durchsieht, verliebt er sich in die tragische Schönheit Asami Yamazaki.

Die Angebetete erweist sich sogar als geneigt, die Abende redend in Restaurants mit dem älteren Mann zu verbringen. Liebestrunken will Aoyama den letzten, entscheidenen Schritt gehen, und um ihre Hand anhalten. Gemeinsam fahren das Pärchen in ein wunderhübsches Hotel außerhalb der Stadt. Hier spielt Miike dann zur Höchstform auf. Seine Bilder werden mehr und mehr zu aquarell-gleichen, sonnenlichtdurchfluteten Wandgemälden von überraschender, tiefgehender Schönheit. Seine langsamen Kamerafahrten unterstützen die stille Attraktivität der darzustellenden Sets. Bis zu diesem Zeitpunkt scheint der Film eine schicksalshafte, ernste Lovestory zu sein. Aber mehr ein Drama, als ein wirklich leichtes Stück über Verliebtsein. Miike scheint nie positiver Natur zu filmen. Seine Bilder werden oft aus bedrohlich anmutenden Froschperspektiven aufgenommen - man merkt, die unermeßliche Schönheit hat eine Schattenseite. Bis zu der Szene im Hotel ist "The Audition" eine dialoglastige, sehr gute Lovestory, mit einigen kurzen bedrohlichen Sequenzen.

Doch dann, nach der ersten gemeinsamen Nacht, ist Asami weg. Aus den starken, überdimensionierten, warmen Farben, in denen der Film bisher lag, wird ein kühler, grauer Streifen. Aus der faszinierenden Asami eine eher beängstigende Frau - je mehr Aoyama in der Vergangenheit seiner Geliebten herumstöbert. Immer abgründiger scheinen plötzlich die bisherigen Stationen im Leben Asamis - und plötzlich, in einer grauenhaften Szene, scheint auch das Leben Aoyamas besiegelt zu sein.

Dass bei Miike aus einem filmischen Liebesfilm ein derart schockierendes, abstoßendes Thrillerwerk mutieren kann, spricht nur für die Qualitäten dieses Regisseurs. Er unterhält in der ersten anderthalb Stunden wie in einer fast kitschig-schönen Liebesgeschichte, und wird dann zum gewalttätigen Rachte- und Folterfilm, der konsequenter sein überraschendes Ende nicht platzieren könnte. Miike ist sogar so clever, und setzt einen der wirkungsvollsten und größten "red herings" der Filmgeschichte ein - das Vorsprechen. Die perfide Hinterhältigkeit, ein gestelltes Vorsprechen zu inszenieren, um für Aoyama einen Überblick über ansprechende Singledamen zu gewährleisten, wird nie zum Thema zwischen Asami und Aoyama. Dies ist nicht der Grund für ihren "Ausbruch". Viel mehr findet Aoyama Erklärungen in ihrer Vergangenheit - vergewaltigt und ausgenutzt, wandelt sich Asami von dem unschuldigen, aber befleckten Kind zum männerhassenden Racheengel, der dann zur Tat schreitet, sobald sie sich von einem Mann nur halbherzig geliebt fühlt.

Sie interpretiert Verhaltensweisen in vergangene Männer in das Lieben Aoyamas hinein, und besucht ihren aufrichtig liebenden Freund eines Abends. Wir sehen (glücklicherweise nur wenig dieses Abends), aber eins wird bei der krassen Inszenierung klar: Aoyama wird den Abend nicht überleben - und wenn doch, dann nur unter Einbußung seiner Würde oder seiner natürlichen Sinne. Miike inszeniert das krasse Ende zwischen Flashbacks und bösen Erinnerungen. Die Bilder werden immer wahnsinniger, immer ekeliger. Wer das durchstehen möchte, muss einen starken Magen besitzen - so viel ist mal sicher.

Mit "The Audition" ist Miike ein spannender, ungewöhnlicher Thriller gelungen, der gleichzeitig eine gewichtige Aussage über den Standpunkt der modernen, unterdrückten Frau in Japan mitgibt. Sein Film beginnt süßlich und endet in der Katharsis. Ein ungewöhnlich harter Film am Ende, ein ungewöhnlich guter Film am Ende. Schade nur, dass die Inszenierung im Finale so "over the top" ist. Ein wenig mehr erklärende Nüchternheit hätte dem verwirrenden, halluzinatorischen Finale nicht geschadet.

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