Review

Eines gleich vorweg: Wer diesen Film in seiner vollen Intensität erleben möchte, sollte im Grunde zuvor gar nichts darüber wissen. Also wer ihn noch nicht gesehen hat – am besten erstmal ansehen und dann weiterlesen. Denn in gewisser Weise ist schon der nächste Satz ein Spoiler: "Audition", der Film, mit dem Takashi Miike international berühmt (und berüchtigt) wurde, dürfte eine der radikalsten Genre-Mischungen aller Zeiten sein.

Deshalb soll hier auch über den Inhalt gar nichts weiter gesagt werden. Dafür umso mehr zur Umsetzung: Rein inszenatorisch gehört "Audition" zum Reifsten und qualitativ Hochwertigsten, was Miike in seiner an Output nicht gerade sparsamen Karriere abgeliefert hat. Die Kamera erzeugt erstklassige kinoreife Bilder, Beleuchtung und Setting wirken durchgehend professionell und überzeugend und die Darstellenden machen ihre Sache durch die Bank weg hervorragend. Auch der irgendwann einsetzende Stilmix – ein oft vorkommendes Mittel bei Miike – kommt hier durchdachter und eloquenter daher als in vielen seiner wilderen Werke: Nachdem Kamera, Schnitt und sanfter Score knapp 70 Minuten lang eine gediegene, beinahe schon träge Stimmung erzeugt haben, wechselt Erstere plötzlich zu verwackelter Handkamera, die die steigende seelische Belastung des Protagonisten hervorragend visualisiert, wird Zweiterer szenenweise hektischer und härter, bis hin zu krassen Stakkato-Bildschnipseln schockierender Vorgänge, und entwickelt sich Dritterer zu einem finster-bedrohlichen Hintergrundrauschen, das die dunkler werdenden Bilder perfekt intensiviert. Handwerklich hat Miike selten eine so durchdachte und konsequente Arbeit geleistet.

Das gilt auch für die Erzähltechnik: Lange Zeit wird der Zuschauende in einer falschen Sicherheit gewiegt. Die leicht betuliche, sympathische Inszenierung passt zur simplen Geschichte um leise Trauer und den verzweifelten Versuch, neue Wege zu beschreiten. Die Figuren bleiben grundsätzlich sympathisch und nahbar, auch wenn ihre Verhaltensweisen mitunter fragwürdig erscheinen. Alles plätschert sanft, etwas ereignisarm, aber irgendwie nett vor sich hin – bis zum ersten Mal dunklere Bilder eine Andeutung davon geben, dass hier irgendetwas nicht so sein könnte, wie es scheint. Der Wandel kommt nicht schleichend, aber anfangs schon vorsichtig. Bis zur radikalen Eskalation – die dann eine unglaublich elegante Rückblendenkonstruktion innerhalb eines Betäubungsmittel-Deliriums einbaut, in der man kurzzeitig die Orientierung zu verlieren droht, was real und was Traum ist. Da werden Szenen wiederholt und alternativ weitergeführt, dann mit Rückblenden und tiefenpsychologischer Symbolik vermischt, bevor wieder in eine eigentlich geradlinige und mörderisch spannende Sequenz zurückgesprungen wird.

Spektakulär an diesem Film ist vor allem, dass er durch die gesellschaftlichen Diskussionen der vergangenen Jahre seine ganze Qualität erst aus heutiger Perspektive wirklich vollumfänglich präsentiert. Zu einer Zeit, zu der kritische Filme über toxische Maskulinität, Patriarchat und Male Gaze á la "The Royal Hotel" oder "Barbie" noch knapp ein Vierteljahrhundert auch sich warten lassen sollten, dekonstruiert Miike hier die Klischees damaliger männlich definierter Romantikfilme auf denkbar brachialste Art und Weise: Der Mann nähert sich einer Frau, indem er sie belügt und manipuliert, verliebt sich ernsthaft in sie und ringt mit sich, ob er ihr die Wahrheit über den Anfang ihrer Beziehung sagen soll. Wo 90er-Jahre-Hollywood-Komödien nun eine Dramatik daraus ziehen würden, dass er das tut, sie kurz beleidigt ist, dann aber erkennt, was für ein toller Typ er ist (am besten auch dank einer schmalzigen Liebesrede von ihm, also im Grunde weiterer Manipulation), bricht "Audition" mit sämtlichen Erwartungen ans Genre, indem er einfach in ein diametral entgegengesetztes wechselt und anstatt einer heuchlerischen Kitsch-Romantik eine der krassesten Foltersequenzen liefert, die das Mainstreamkino der 90er zu bieten hat.

"Audition" ist eines der (vielleicht das eine) großen Meisterwerke von Takashi Miike, das durchgehend in seinen Bann zieht, mit einem unfassbar radikalen Genrewechsel einen irren Twist bietet (ein Wechsel, der trotzdem atmosphärisch perfekt passt und einen vollkommen runden Eindruck vermittelt) und dabei noch höchst elegant die männliche Urangst davor thematisiert, dass Frauen sich eines Tages drastisch für all die kleinen und großen Demütigungen und Verletzungen rächen könnten, denen sie im Patriarchat permanent ausgesetzt sind. Ein spektakulärer Psycho- und Folterschocker, dessen Kultstatus es schwer macht, ihn noch so unvorbelastet zu entdecken, wie es für den maximalen Effekt eigentlich nötig wäre.

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