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Freddy Krueger Inc. präsentiert: Sadakos finale Bestimmung in Haddonfield

Nach seinem Spielfilm-Debüt, der Coming-of-Age-Komödie „The Myth of the American Sleepover“ aus dem Jahre 2010, dauerte es vier Jahre, bis US-Regisseur und -Drehbuchautor David Robert Mitchell mit seinem Zweitwerk „It Follows“ einen waschechten Horrorfilm präsentierte.

Nachdem die 19-jährige Jay (Maika Monroe, „The Guest“) mit dem ungefähr gleichaltrigen Hugh (Jake Weary, „Zombiber“) Sex hatte, klärt dieser sie mit Nachdruck darüber auf, dass er dadurch einen mysteriösen, jedoch akut lebensbedrohlichen Fluch an sie weitergegeben habe: Nur sie könne ihn sehen, er könne verschiedene menschliche Formen annehmen und werde sie unnachgiebig verfolgen. Sie könne ihn nur loswerden, indem sie – wie er es tat – ihn sexuell weitergebe. Sterbe jedoch der neue Verfluchte, falle der Fluch auf sie zurück. Zunächst glaubt Jay ihm kein Wort, muss jedoch bald einsehen, dass es sich anscheinend um mehr als nur die Hirngespinste eines irren Halbstarken handelte…

Angesiedelt in tristen und ärmlich wirkenden, herbstlichen Vororten Detroits, erzählt Mitchell in weitläufigen atmosphärischen Bildern eine Geschichte, die nur vordergründig unmittelbar mit Sexualität zu tun hat. Im Prolog rennt eine junge Frau in Unterwäsche auf die Straße, steigt in ein Auto und braust panisch davon. Später sitzt sie allein am Strand und telefoniert – und wird am nächsten Morgen zerfetzt aufgefunden. In angenehmem Tempo ohne künstliche Hektik wird man auf verdammt spannende und gruselige Weise Zeuge, wie der Fluch zunächst Jays Leben und schließlich das ihrer Clique bestimmt. Letztere glaubt ihr natürlich zunächst nicht und hält sie für paranoid, doch als Jay nach einem bösen Jump-Scare-Schockeffekt von einer für die anderen Unsichtbaren an den Haaren gezogen wird, die auch ihren Stiefbruder kurzerhand wegboxt, besteht kein Zweifel mehr. Trotz einiger Schockszenen setzt „It Follows“ nicht vornehmlich auf ihren inflationären Gebrauch, sondern erzeugt eine Stimmung permanenten paranoiden Misstrauens und ständiger Verunsicherung, garniert mit unheimlichen Bildern des in verschiedenen Verkörperungen auftretenden Fluchs wie einer schlurfenden alten Frau oder eines nackten Manns auf einem Hausdach, die sich gern langsam, aber beharrlich ihrer von ihnen beobachteten Opfer nähern und dabei unberechenbar wirken, menschlich und doch unmenschlich zugleich, der Realität entrückt, unfassbar, doch plastisch.

Seinen visuellen Vorzügen zum Trotz gibt sich „It Follows“ gern minimalistisch und pragmatisch; die Mimik der Schauspieler sagt oft mehr als tausend Worte, geschwätzig ist die Handlung nicht. Anstelle übertriebener Spezialeffekte zeigt sich „It Follows“ zurückhaltend und ist dafür in den entscheidenden Momenten umso effektiver. Man integrierte nur wenige Musikeinsprengsel, doch diese werden dramaturgiebezogen stimmig mittels lauter verzerrter Klänge oder als diffuse Hintergrunduntermalung eingesetzt. Weniger ist hier eindeutig mehr, ohne den Film spröde oder unzugänglich erscheinen zu lassen, im Gegenteil: Die Kamera vermittelt Sommerausklang und Herbstblues, während sie alleehafte Bilder sucht und findet oder ihren Film unterschwellig mit etwas Sex-Appeal versorgt, wenn sie immer mal wieder auf makellose Frauenbeine zoomt.

Oberflächlich betrachtet provoziert „It Follows“ natürlich, für eine – möglicherweise sogar reaktionär-lustfeindliche – Allegorie auf und Warnung vor Geschlechtskrankheiten durch vorehelichen Geschlechtsverkehr und Sexualpartnerwechsel gehalten zu werden. Doch das greift viel zu kurz, allein schon, weil man Geschlechtskrankheiten nicht durch Weitergabe loswird. Nein, „It Follows“ bietet mit seinem Subtext Anlass für Interpretationen, ohne ihn auf dem Silbertablett zu servieren. Nur eines ist klar: Es geht um Angst. Ich verstehe die Sexualität in Mitchells Film als Gegenentwurf zum unverbindlichen, schnellen Sex, den manch anderer Genre-Film – vornehmlich Slasher – als jugendliche bzw. adoleszente Realität zu verkaufen versucht. Ich meine, hier die sensible, zerbrechliche Seite der Sexualität zu erkennen, die oftmals eben nicht mit kühler Abgeklärtheit, sondern mit Verunsicherung, Selbstzweifeln, Zweifeln am Partner, durchaus auch Furcht vor Krankheit, einhergeht und nur ein Teil des Teenage-Angst-Gesamtpakets ist, das sensible Heranwachsende gern gerade zu den dunklen Jahreszeiten und in wenig Sicherheit und Geborgenheit vermittelnden Umgebungen befällt, während sie sich nach der Abkapselung von ihren Eltern einem Umfeld ausgesetzt sehen, in dem Miteinander daraus zu bestehen scheint, gemeinsam einsam zu sein. Eine deprimierte Einstellung zu sich selbst und zum Leben, die einen geradezu verfolgt und sich nicht einfach so abschütteln lässt. Und exakt dieser Gemütszustand ist es, den mir dieser Film vermittelte.

Wenn „It Follows“ auch nicht gänzlich ohne Klischees wie das pünktlich zum Finale einsetzende Unwetter auskommt, erscheint er mir recht originell, ohne dabei seine Vorbilder und Einflüsse zu verleugnen. So ging offenbar die Fernost-Horrorfilm-Welle um Fluchfilme wie „Ring“, „The Grudge“ und Konsorten ebenso wenig spurlos an Mitchell vorüber wie „Final Destination“ mit seinem festen Todesregelwerk und verdiente Slasher à la „Halloween“, dessen herbstliches Kleinstadtambiente ihn neben der gleichzeitigen Phantomhaftigkeit und Entschlossenheit des Antagonisten inspiriert haben dürfte oder auch „A Nightmare on Elm Street“, dessen offensichtliche sexuelle Metaphern sich in „It Follows“ genauso finden wie der Zusammenhalt der Jugendlichen im Finale, die das Böse ganz ohne Hilfe Erwachsener anlocken, um es zu besiegen. Dadurch wiederum fühle ich mich auch an „Es“ erinnert und, hey – damit an eine ganze Reihe meiner Lieblingsfilme!

Kein Wunder also, das mich „It Follows“ sprichwörtlich an den Eiern packte. Es handelt sich um ein herrlich unprätentiöses Juwel unter den aktuellen Genrefilmen, das länger nachwirkt. Moderner Teenage-Horror vom Feinsten.

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