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Wie kann man eine Kritik zu einem Film schreiben, ohne auch nur irgendeine Kleinigkeit verraten zu wollen?Sicherlich hat man das Problem bei vielen Filmen, aber nicht jeder Film spielt so mit der Sichtweise des Zuschauers wie Laetitia Colombani’s Kinodebüt.

Dieser Film ist ein untypischer Franzose, nicht unbedingt wegen des Themas, vielmehr wegen der Darstellung: butterweich beginnt die Geschichte um eine junge Kunststudentin, die in Liebe zu einem Kardiologen entbrannt ist. Nur ist dieser verheiratet und das Techtelmechtel muß daher geheimgehalten werden.

Dennoch steht Angélique ihre Frau, trägt es mit Fassung und wartet. Das Schicksal einer Geliebten, wie es scheint. Zurückzustehen hinter der Unentschlossenheit des Geliebten. Dazu kommt dann auch noch, daß die Ehefrau im fünften Monat schwanger ist. Für Angélique nur der Beweis, daß sie krampfhaft versucht ihren Ehemann an sich zu binden. Wie krank muß man sein, einem Mann, der nicht mehr liebt, ein Kind unterzuschieben, um die Bindung aufrechtzuerhalten?

Der gemeinsame Urlaub in Florenzfällt schliesslich buchstäblich ins Wasser. Offensichtlich hat es den Geliebten zu seiner Ehefrau zurückgezogen, die ihr Kind bei einem Unfall verloren hat. Kurz darauf wird Loïc auch noch des Mordes einer Patientin verdächtigt und festgenommen.
Nur scheint es sich nun ausgewärmt zu haben. Angélique beschließt, sich das Leben zu nehmen. Sie dreht den Gashahn auf, legt sich auf den Küchenboden und schließt die Augen.

Dieses war nun der erste Streich der Regisseurin und der zweite folgt sogleich, schließlich ist gerade mal die Hälfte des Films rum. Denn nun wird der Film zurückgespult und beginnt wieder von vorne. Wieder stehen wir vor den kitschigen Geschenkläden, im zuckersüßen Blumengeschäft, in dem Angélique aus einem Meer von Blumen genau die eine herauszieht.

Aber die Kamera folgt von nun an nicht mehr Angélique und aus dem Herzschmerz, den kitschigen Träumereien wird ein Thriller... Suspense wie aus den besten Zeiten von Hitchcock und Polanski und das verwundert kaum, denn schließlich war „Liebeswahn im Film“ das Thema der Abschlussarbeit Colombani’s, woraus dann auch das Drehbuch zu diesem Film entstand.

Die erste Hälfe des Films wird deutlich von Amélie-Darstellerin Audrey Tautou getragen. Mit ihren großen braunen Augen bezauberte sie nicht nur in Amélie sondern eben auch hier. Es ist nun mal ihre Aura, die sie wohl zeit ihres Lebens nicht mehr loswerden wird. Dennoch spielt sie hier ganz anders, härter, eigenwilliger, was sich zunehmendst verdeutlicht.

Leider ist das dann auch schon alles. Man sieht ein zweites Amélie, natürlich ohne dessen Charme und so wirkt es wie ein lächerlicher Aufguß. Zudem kommt noch die (m.E. nach) schlechte Vermarktung, so daß man schnell den Sinn dahinter entdeckt und nur noch hoffen kann, daß sich diese Struktur nicht bis zum Ende hin durchzieht. Aber das tut es auch nicht und genau das lässt den Anfang entschuldigen.

Denn, wenn die erste Hälfe ihre Schuldigkeit getan und uns ein unschuldiges, verliebtes Mädchen gezeigt hat, beginnt der eigentliche Film. Mit einer wunderbaren Sequenz, in der der ganze Film bis zum Anfang zurückgespult wird, beginnt diese zweite Hälfte. Das spiegelt sich zum einen in der Musik als auch in der Farbgestaltung wider. Rote, warme Farben werden durch kühle Blautöne ersetzt.

Hier erlangt die Geschichte ihre Auflösung, die zwar keineswegs überrascht, aber faszinierend anzusehen ist, wurden doch im ersten Teil auch Dinge eingestreut, die zusammenhangslos erschienen. Die ganze Wahrheit wird einem bewusst und man erkennt, daß es besser sein kann, wenn man beide Seite der Medaille sieht.

Erkennt man schon in der musikalischen Dramaturgie und den kälter werdenden Farben, daß sich diese romantische Komödie zu einem einnehmenden Suspense-Thriller entwickelt, wird man von der Symbolastigkeit begeistert sein. Ein Rosenstrauch unter einer Glasglocke, weil er die ausländische Atmosphäre nicht erträgt, spiegelt uns Angélique’s Seele wider. Ein Haus, auf das Angélique aufpassen soll, während die Besitzer für ein Jahr nach Washington ziehen, versinkt im Chaos.

Das Ende entschädigt so manch kleine Nachlässigkeit in der Dramaturgie, denn die Frage des Warum wird hier nicht geklärt.

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