Ungewöhnlich: Bestach Taiwanese Ang Lee in seinen letzten beiden Filmen "Der Eissturm" und "Sinn und Sinnlichkeiten" durch westliche Erzählweise mit unterschiedlicher Thematik, verbeugt er sich mit seinen herrlichen Werk "Tiger and Dragon" vor dem Martial-Arts-Film.
Denn was den Amis der Western ist, ist den Asiaten der Eastern. Oft kommen die Abenteuerfilme, in denen die Helden sich mit vernöstlicher Kampfkunst anstatt mit Revolver zu behaupten wissen, meist mit stumpfsinnigen Dialogen, schrecklichen Storys und so unwahrscheinlich schlechten Darstellern á la Jackie Chan daher – doch nicht hier: In Lees Liebeserklärung an ein verkanntes Genre läßt er sich auf eine Liebesgeschichte mit epischer Breite ein, er benutzt kraftvolle, phantastische Bilder und Special-Effects, die sich wunderbar harmonisch in den sonst so hübschen und traditionsbewußten Kontext einfügen.
Denn wenn man sich das Storygerüst von Tiger and Dragon ansieht, befürchtet man, Lee würde die Pracht der Ausstattung und der Story durch lahme Matrix-inspirierte Effekte erschlagen: Ein mythisches Jadeschwert, getragen von dem ehrvollen Krieger Li Mu Bai, ruhig und besonnen gespielt von Hongkongs bestem Actionstar Chow Yun-Fat, soll der Königsfamilie übergeben werden. Doch es wird gestohlen, und Li Mu Bai und seine heimliche Flamme Yu Shue Lien machen sich auf, den mysteriösen Dieb zu finden. Schnell ahnen sie, daß sich hinter der Diebin die Prinzessin selbst befindet, die gelangweilt vom öden Dasein und geschult von einer hinterhältigen Kriegerin, sich zu einer perfekten Kämpferin gemausert hat. Daß sie eigentlich nur um ihre Liebe zu einem Geächteten kämpft, ahnen ihre Jäger nicht.
Schön, daß Ang Lee nicht den Fehler beging, und brutale Kämpfe mit einer solch magischen Story zu verbinden. Nein, denn in den Kampfszenen dominiert Schönheit, denn wenn sich Yu Shue Lien und die Ninja-Prinzessin jagen, trotzen sie den Gesetzen der Schwerelosigkeit: Mit einem Schritt überwältigen sie unzählige Meter, sie springen voll anmutiger Leichtigkeit von Haus zu Haus. Es gleicht hier nicht einem Kampf, sondern einem wunderschön auschoreographierten Ballett.
Schön, daß Ang Lee noch ein solch traumhaftes, anspruchvolles Martial Arts-Melodram geglückt ist!