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Die durch die Hölle gehen... und ins Ghetto zurückkehren

Nachdem die Hughes Brüder mit ihrem Regiedebüt „Menace II Society“ ohne Umwege in den Black Cinema-Himmel flogen und das Gangsterdrama heute als unumstrittener Klassiker des Genres gilt, ging ihr Folgefilm „Dead Presidents“ immer etwas unter. Zu unrecht. Denn obwohl er sicher nicht fehlerfrei ist und ich ihm jetzt nicht den Klassikerstempel aufdrücken will, ist diese Heimkehrergeschichte dennoch mehr als sehenswert. Gangsterballade. Kriegskracher. Charakterdrama. Heistmovie. Wow. Hier wird wirklich eine ganze Stange abgebissen. Vielleicht sogar etwas zu viel des Guten. Beeindruckend ist dieser wilde, stylische Cocktail dennoch. Es geht um ein paar schwarze, recht perspektivlose Jungs aus der Bronx, die sich Ende der 60er für den Wehrdienst melden und nach Vietnam begeben. Als sie in ihre New Yorker Heimat zurückkehren ist durch die blutigen Grausamkeiten des Krieges nichts mehr, wie es vorher war...

"Dead Presidents“ könnte gefühlt drei Stunden gehen. Oder mehr. Da steckt so viel drin. Von enormen Charakterentwicklungen über schwerwiegende soziale Kritik bis zu schockierenden Splattereinlagen (!) - nicht immer total homogen, nicht immer realistisch, nicht immer komplett logisch, aber sehr wirkungsvoll. Veredelt von einer beeindruckenden Reihe schwarzer Darsteller, die zum Teil zu der Zeit (oder kurz danach) noch richtig groß rauskommen sollten. Zurecht. Da ist enorm viel Talent und Leidenschaft versammelt. Coolness natürlich auch. Apropos: was ist das denn bitte für ein souliger Super-Soundtrack?! Megastark! Chris Tucker im 90er-Modus und die ein oder andere Gewaltspitze (Penis im Mund?! Wtf?! PTSD-Traumsequenzen, die eher auf die Event Horizont oder Jacobs Ladder passen) stechen zwar seltsam heraus, außerdem fühlt es sich manchmal an, als ob einem vieles vorgehalten wird und dahinter ein echtes Epos steckt, von dem man nur Höhepunkte miterleben darf. Doch es ist ein faszinierendes Best Of. Hat mich mehr als nur wach gehalten. „The Deer Hunter“ in schwarz und ghetto, „Combat Shock“ in bunt und etwas weicher - solche Aussagen wären nicht allzu weit hergeholt.

Fazit: weder ein „Menace II Society“ noch ein „Platoon“, sondern ein mitreißender, lässiger, nachdenklich stimmender Zwitter aus (zu) vielen Genres, den man derart instinktiv und hypnotisch selten sieht. Brutal und beängstigend. Vielleicht etwas überambitioniert und zu kurz (!) für seine ausschlagenden Ambitionen. Dennoch: New Black Cinema- und 90er-Geheimtipp!

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