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Gefühlte 90 Prozent aller US-amerikanischen Haunted House Filme laufen so ab: Paar mit zwei Kindern zieht in ein neues Eigenheim. Sie nimmt übersinnliche Erscheinungen wahr, während er mit seiner Arbeit beschäftigt ist und sie nicht ernst nimmt. Es folgt die Recherche in Bibliothek oder Internet, dunkle Familiengeheimnisse werden zutage gefördert und am Ende muss ein Geist beschwichtigt werden. Der Ire Ivan Kavanagh schlägt demgegenüber zwar nicht völlig andere Wege ein, doch vom oben erwähnten Einheitsbrei hebt er sich wohltuend ab.

Filmarchivar David (Rupert Evans) lebt mit Frau Alice und Sohn Billy seit fünf Jahren in einem Reihenhaus am Kanal. Während seines Jobs inspiziert er ein Polizeivideo von 1902, in dem ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau umbringt. Kurz darauf verschwindet Alice und prompt wird David als Hauptverdächtiger gehandelt...

Kavanagh lässt sich viel Zeit mit der Figureneinführung, wobei das Hauptaugenmerk fast ausschließlich auf David gerichtet ist, dessen Sicht der Dinge schon früh für Irritationen sorgt. Mal erwacht er aus einem Alptraum, dann scheint er zu halluzinieren, während sich die Bilder des alten Polizeivideos offenbar mit der Realität vermengen. Die latent ruhige Erzählweise geht mit einer beklemmenden Stimmung einher, die Gegend um den Kanal herum wirkt recht isoliert und auch der ohnehin eher stille David scheint sich zunehmend von seinem Umfeld abzukapseln, abgesehen von der uneingeschränkten Verbindung zu seinem Sohn.

Allzu viele Schockeffekte sind bei alledem nicht auszumachen, da neben den üblichen Schatten und sich nähernden Silhouetten lediglich ein paar halbwegs blutige Inserts eingebunden werden. Das Geschehen lebt eher von dem Verwirrspiel zwischen Einbildung und Realität, denn obgleich sich einige deutliche Hinweise mehren, wird bis zum letzten Drittel nicht klar, was in Davids Umfeld wirklich geschieht.

Auf audiovisueller Ebene punkten primär die variablen Kamerawinkel, gelungene Farbspielchen und die Sounduntermalung, welche die teils surreale Stimmung in Form einiger Collagen perfekt untermalen. Hauptdarsteller Rupert Evans enttäuscht zunächst aufgrund seiner vermeintlich eindimensionalen Figur, sein Spiel entwickelt sich jedoch mit der Entwicklung selbiger, wobei auch die übrigen Mimen solide performen.

"The Canal" ist kein Streifen, der sich zeitgenössischen Konventionen anbiedert, obgleich die eine oder andere Szene an "Ring" erinnern mag und die alten Filmaufnahmen Parallelen zu "Sinister" aufweisen. Er beschreitet eher Wege eines Psycho-Thrillers mit Dramenanteilen, um im letzten Drittel noch einmal richtig aufzudrehen, während die fast dauerhafte Ungewissheit bis zur finalen Auflösung durchaus Laune macht.
Keine Genreoffenbarung, aber eine sauber inszenierte Abwechslung.
Knapp
7 von 10

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