Die Familie Girolami hat die Filmlandschaft Italiens durchweg bereichert. Marino Girolami, der Vater (ZOMBIES UNTER KANNIBALEN); Romolo Guerrieri, Marinos Bruder (DIE KLETTE) und Enzo G. Castellari, Marinos Sohn (TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT) leisteten allesamt ihren Beitrag zum weltweiten Erfolg italienischer Genrefilme der Siebziger. Auch heute tragen die Klassiker dieser Regisseure zum Faszinosum bei, das von einer kurzen Zeitspanne italienischer Filmgeschichte ausgeht, einer Zeit, in der die Grenzen des Zeigbaren und des Erzählbaren ständig neu ausgelotet wurden, in der einzelne - von mir heißgeliebte - Genres Hochkonjunktur hatten und den Zuschauer mit allerhand standardisierter Figuren konfrontierten.
Ein populäres Genre war in den Siebzigern der Polizei- und Kriminalfilm. Zu einer Ikone avancierte in diesem Zusammenhang Maurizio Merli - der fälschlicherweise von zahlreichen Fans als kostengünstiges Imitat Franco Neros angesehen wird. Merlis Paraderolle war die eines pflichtbewussten Polizisten, der Ganoven mithilfe rabiater Methoden an den Rand der Verzweiflung brachte. Wenn Dirty Harry und Paul Kersey (DEATH WISH) verschmelzen, entsteht ein Mann mit den Moralvorstellungen Merlis. Die Figur des brutalen Cops verkommt zur Karikatur, eine Karikatur, die bemerkenswert unterhält und amüsiert.
In COP HUNTER mimt Merli den Commissario Betti bereits zum dritten Mal nach ROMA VIOLENTA und NAPOLI VIOLENTA. Er muss einer großen Kriminalitätswelle entschlossen entgegentreten; dabei bilden ein Bankraub und die Entführung von Schulkindern die widerwärtigsten Auswüchse dieser tristen Zeiten. Nachdem Betti seine Aufmerksamkeit mehreren Strohfeuern gewidmet hat, entschließt er sich das Übel an der Wurzel zu packen. Er verfolgt den Kopf einer Verbrecherorganisation Albertelli, der seine widrigen Taten hinter der Fassade des honorablen Geschäftsmannes zu dissimulieren versucht. Gespielt wird Albertelli vom amerikanischen Weltenbummler-Schauspieler John Saxon, der sich des Öfteren noch im Film polizieschi die Ehre geben wird (DIE GEWALT BIN ICH). Zwischen dem Kommissar und dem Gangsterboss entfacht ein Privatkrieg.
Das wichtigste Qualitätssiegel eines (unpolitischen) Italo-Crime Films ist Rasanz. Dynamik, ein hohes Erzähltempo und sich ständig überschlagende Ereignisse stellen notwendige Voraussetzungen dar, um den Film versierten Genrekennern schmackhaft zu machen. Und in der Tat zeichnet sich COP HUNTER durch zahlreiche Verfolgungsjagden, wilde Schießerein und unerwartete Wendungen aus, die den Zuschauer unter keinen Umständen in einen somnambulen Zustand versetzen werden. Die Besonnenheit und Unkompliziertheit der Geschichte formieren weitere positive Eigenschaften, die den flüssigen Ablauf des Films generieren.
Der insgesamt positive Eindruck wird durch eine unnötige Romanze zwischen Kommissar Belli und der Angehörigen eines entführten Kindes ein wenig getrübt. Wie eine Art Bremsklotz oder unpassendes Anhängsel verhält sich dieser Teil der Geschichte zum sonstigen Ablauf. Die Romanze relativiert auch ein wenig den kompromisslosen Charakter des Kommissars, indem sie ihm eine humane Note verleiht. Selbstverständlich empfinde ich keine Abneigung gegen die Darstellung eines humanen Cops, doch mindert diese Charakterisierung das Karikaturhafte, die Asozialität und den schieren Wahnsinn eines italienischen Polizei- und Kriminalfilms. Ich muss es wohl an dieser Stelle zugeben: Ich präferiere die irrsinnigen und (meist) selbstzweckhaften Gewaltausbrüche eines Umberto Lenzis.
Das Finale des Films ist bedauerlicherweise auf einem schwachen Niveau und wird dem bisher Gezeigten nicht gerecht. Hier hätte man sich ein wenig mehr Kreativität und Ausarbeitung gewünscht. Desweiteren überlasse ich es den Vorlieben jedes einzelnen Zuschauers die Abwesenheit politischer Implikationen als Vorteil oder Nachteil auszulegen. Ich finde beide Sparten (politisch und unpolitisch) des italienischen Polizei- und Kriminalfilms interessant.
Fassen wir das bisher Gesagte ein wenig zusammen. COP HUNTER ist ein zu keinem Zeitpunkt ennuyierender Genrevertreter. Anhand von Standardsituationen, bekannten Ausgangspositionen und einer altbewährten Figurenkonstellation wird dem erfahrenen Film polizieschi Konsumenten ein Lächeln auf die Lippen gezaubert. Vorzuwerfen habe ich dem Film lediglich seine Austauschbarkeit; er hebt sich von der Masse vergleichbarer Filme in keinster Weise ab. Wer über kleine - und durchaus auslegbare - Nachteile hinwegsehen kann, oder sich sowieso als Fan des Genres versteht, sollte beim Anblick der VHS bedenkenlos zugreifen. In diesem Zusammenhang stellen die Kürzungen des deutschen Tapes selbstverständlich Schönheitsmakel dar.
Bleibt noch zu erwähnen, dass der internationale Verleihtitel COP HUNTER nicht richtig zu Film passt. Wer hat das nun wieder verbockt?