Never forget Schinken-Kev
Bei den „Guardians of the Galaxy” handelt es sich offenbar um ein Spin-Off des Marvel-Comic-Universums, das die üblichen Superhelden-Geschichten mit reichlich Humor auflockert. Im Zuge vieler erfolgreicher Marvel-Comicverfilmungen wagte man den Schritt, sich auch dieser skurrilen Gestalten anzunehmen und sie auf die Leinwand zu bringen. Für die Regie fiel die Wahl auf den US-Amerikaner James Gunn, der nach einem Kurzfilm und Serienbeiträgen im Jahre 2006 mit der B-Science-Fiction-Horror-Hommage „Slither“ auf sich aufmerksam gemacht und sich 2010 mit „Super“ offenbar für die Umsetzung komödiantischen, ironischen/satirischen Superhelden-Stoffs empfohlen hatte. Dieser überarbeitete auch prompt den Drehbuchentwurf Nicole Perlmans grundlegend, bis das fertige Ergebnis 2014 in die Kinos kam – und zu einem wahren Kassenknüller avancierte.
Die Mutter des kleinen Peter Quill (Wyatt Oleff, „Verrückt nach Barry“) stirbt im Jahre 1988 an Krebs, übergibt ihrem Sohn aber kurz zuvor noch ein Geschenk und macht eine Andeutung über Peters ihm unbekannten Vater: Dieser sei ein „Wesen aus Licht“ gewesen. Als Peter das Krankenhaus verlässt, wird er von einem Raumschiff entführt. 26 Jahre später ist er (ab jetzt: Chris Pratt, „Jennifer’s Body“)ein „Ravager“, ein Weltraum-Kleinkrimineller geworden, der sich selbst wenig bescheiden den Namen „Star-Lord“ angeheftet hat. Durch die Entführung wurde er Teil der Bande des Außerirdischen Yondu Udonta (Michael Rooker, „Super“). An sein Leben auf der Erde erinnert ihn vor allem sein alter Walkman mit der Musikkassette alter Pop-Songs, die ihm seine Mutter aufgenommen hatte. Als er auf einem verlassenen Planeten jedoch ein mysteriöses Artefakt in Kugelform an sich nimmt, löst er ungewollt eine Reihe schwerwiegender Ereignisse aus: Sowohl Udonta als auch der finstere Kriegsherr Ronan (Lee Pace, „Lincoln“) bekunden ausgesprochenes Interesse an dem Stück; letzterer will mit den Kräften, die der Kugel innewohnen, sich gar das Universum Untertan machen und an den Xandarianern rächen, die er als verantwortlich für den Tod seiner Vorfahren auserkoren hat. Er setzt die grünhäutige Auftragskillerin Gamora (Zoe Saldana, „Avatar - Aufbruch nach Pandora“), die Adoptivtochter Thanos' (Josh Brolin, „Mimic“), auf Peter an, der zunächst nichts Böses ahnend die Kugel verhökern will. Als es zur Konfrontation mit Gamora kommt, durchkreuzt indes ein Kopfgeldjäger-Duo, bestehend aus dem sprechenden Waschbären Rocket und dem Baumwesen Groot, ihren Plan, das es auf Peter abgesehen hat. Die Auseinandersetzung bringt zunächst alle vier ins Gefängnis, wo sie den muskulösen, tätowierten und etwas tumben Drax (Dave Bautista) kennenlernen, dessen Familie Ronan auf dem Gewissen hat. Da auch Gamora sich von Ronans Einfluss befreien will, beschließen die fünf, gemeinsame Sache zu machen und brechen spektakulär aus dem Gefängnis aus, um anschließend zu versuchen, das Artefakt zu verkaufen. Doch verschiedene große Mächte sind hinter ihnen her...
So weit, so scheinbar komplex. Doch was sich nerdig und kompliziert liest, gerät in „Guardians of the Galaxy“ schnell in den Hintergrund, dient vielmehr als Aufhänger für rund zwei Stunden Comic-Science-Fiction-Action-Spaß mit viel Kawumm aus dem Computer, witzreichen Dialogen, einigen Überraschungen und viel Liebe zum Detail (u.a. Anspielungen auf das Marvel-Comic-Universum) in fremden kosmischen Welten. Man suhlt sich in jeder Menge selbstzweckhaften Stunts und Kampfchoreographien, inszeniert rasante Verfolgungsjagden im Orbit und sprengt andauernd etwas spektakulär in die Luft. Dass dies die meiste Zeit so richtig Spaß macht, liegt nicht nur an der begeisternden Qualität der Spezialeffekte und der CGI-Animationen, die man auch als Skeptiker dieser Technologien neidlos anerkennen muss, sondern vor allem an der Interaktion mit den menschlichen Darstellern, der mehrschichtigen Charakterisierung insbesondere des ungleichen Duos Rocket/Groot und der Gruppendynamik, die man diesem zufällig und wild zusammengewürfelten Haufen zuteil werden ließ, der sich als „Guardians of the Galaxy“ plötzlich vor die Mammutaufgabe gestellt sieht, das Universum zu retten – wozu er wie die Jungfrau zum Kinde kam.
All dies geschieht nämlich mit der Extraportion Humor, der glücklicherweise weit entfernt ist von den pseudolässigen Einzeilern des Action-Kinos, sondern aus dem Waschbären einen waschechten Zyniker mit ungeahnten Fähigkeiten macht, mit dem Baumwesen, das lediglich „I am Groot“ zu sagen (angeblich in allen Sprachen gesprochen von Vin Diesel), dafür aber eine Menge außergewöhnliche Talente im Kampf um den Erhalt des Universums in die Waagschale zu werfen in der Lage ist, eine der skurrilsten Gestalten dieser Art Kinos überhaupt präsentiert und mit viel ironischer Brechung Superhelden-Klischees ebenso umschifft wie es Action- bzw. Science-Fiction-Allgemeinplätze aufs Korn nimmt. Vollwertig satirisch bis hin zu desillusionierend entzaubernd à la „Super“ wird es dabei jedoch nie, Gunn bleibt Auftraggeber und Zielgruppe verpflichtet und bereichert das Genre, statt es zu negieren.
Das bedeutet neben vielem anderen auch, dass Gunn „Guardians of the Galaxy“ Platz einräumt für dramatische und tragische Momente, für Szenen, die durchaus berühren und ans Herz gehen bis hin zu regelrechten Romanzen. Doch gelingt es ihm, jeweils kurz, bevor es kitschig oder pathetisch zu werden droht, die Reißleine zu ziehen und einen Gag zu platzieren oder die Szenen überraschende Wendungen nehmen zu lassen – und dies erstaunlich behände. Beim finalen Angriff auf Xandar wird es sogar richtiggehend spannend. Als eigentlicher Überbau des Films kristallisiert sich – wenn man denn so will – im Laufe der temporeichen Inszenierung eine letztlich dann doch irgendwie rührende Ehrerbietung an Außenseiter und Anti-Helden heraus, die Großes zu leisten imstande sind, wenn sie ihre Andersartigkeit gegenseitig aneinander akzeptieren und ihre Kräfte zu bündeln verstehen – und lernen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Letzteres meint natürlich nicht, sie zu verleugnen, ganz im Gegenteil: Man lässt es sich fantastischerweise nicht nehmen, kräftig Retro-Popkultur in diese augenzwinkernde Science-Fiction-Space-Comedy-Opera einzuflechten, namentlich in Form der „Awesome Mix Vol. 1.“-Musikkassette, die Peter zusammen mit seinem Walkman hütet wie den heiligen Gral und mit reichlich hörenswerten Hits der 1970er aufwartet, die sich als klasse Soundtrack ebenso durch den Film ziehen wie eine Art Running Gag zugunsten Kevin Bacons.
Schauspielerisch gibt sich auch niemand die Blöße, wenngleich manch Rolle auch nicht allzu viel Individualität oder Freiheit zulässt und ein Großteil durch Kostüm/Maske und comichaft überzeichnete Eigenschaften vorgegeben wird. Der ehemalige Profi-Wrestler Dave Bautista jedenfalls beweist Humor und dass letztlich alle menschlichen Pro- und Antagonisten drohen, von den animierten Rocket und Groot die Show gestohlen zu bekommen, dürfte zum Konzept des Films gehören. Den Low-Budget-Regisseur von „Slither“ und „Super“ zu verpflichten wird wahrscheinlich ein gewagter Schritt gewesen sein, der ungeahnten Wagemut und Weitblick seitens Marvel vermuten lässt. Das Experiment ist gelungen; die Frische und der Hunger James Gunns tun dem Film sichtlich gut, der auch für Comicverfilmungsskeptiker wie mich eine sehr unterhaltsame kurzweilige Angelegenheit wurde, die ich nach kurzer Eingewöhnung vergnügt genießen konnte. Dennoch wird mir immer noch etwas schwindelig, wenn ich höre, dass man in Popcorn-Kino dieser Art schlappe 170 Millionen Dollar investiert. Und, ja: „Guardians of the Galaxy“ ist der ungleich aufwändigere Film, Gunns vorherige Spielfilme liegen mir dennoch mehr am Herzen. Nichtsdestotrotz eine dicke Empfehlung für Freunde modernen Kinos und, nein: Man muss kein Marvel- oder Bestrumpfhoste-Weltenretter-Fan für ihn sein. Ich schmeiße 7,5 von 10 Audiokassetten nach der Erstsichtung auf den Markt (und werde mir selbst mal wieder eine aufnehmen). Save the tape!