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Nur selten sind mir Filme so unter die Haut gegangen wie "Psycho", "Psycho II" und nun auch der hier beschriebene "Psycho IV" - "Psycho III" bewußt ausgenommen, denn diesen Streifen empfand ich nur als schwachen, eigentlich überflüssigen Abklatsch des Hitchcockschen Originals, ohne eigene Originalität und Aussage.

"Psycho IV" setzt mit seiner Handlung wieder unmittelbar auf das Original "Psycho" auf. Eigentlich ein bisschen schade: nicht, weil dabei ein paar chronologische Details durcheinandergeraten sind; das ist künstlerischer Freiheit geschuldet und beeinträchtigt nicht die Wirkung des Films. Schließlich sprechen wir hier über Thriller, nicht über Dokumentarfilme. Schade ist es deshalb, weil "Psycho II" es verdient hätte, sozusagen als legitime Fortsetzung der Handlung und als erste, authentische Weiterentwickung der Zuschauerperspektive zugrunde gelegt zu werden.

Hitchcock hat uns in seinem berühmten Original ziemlich unvermittelt mit dem Grauen eines schizophrenen Serienmörders konfrontiert: von außen, aus der Sicht der ahnungslosen Opfer. Gerade die Unverständlichkeit, das nicht-nachvollziehen-Können der abrupten, schizophrenen Stimmungswechsel vom unschuldig-charmanten Lächeln zum brutalen Messermord und wieder zurück macht die gruselige Wirkung von "Psycho" aus: hier bricht der Wahnsinn buchstäblich mit dem Messer in die heile Welt der Normalität ein. Nichts ist danach mehr so wie vorher.

"Psycho II" bleibt nicht auf dieser Stufe stehen: die Fortsetzung führt uns ein Stück näher an den kranken Täter heran. Sie vermittelt uns die Perspektive der Menschen, die sich um Norman Bates seit dessen Festnahme gekümmert und versucht haben, die Entstehung seiner Krankheit zu verstehen und ihm da heraus zu helfen - aber auch andererseits die Perspektive derjenigen, die der angeblichen Heilung nicht trauen und Norman wieder sicher hinter Schloss und Riegel wissen möchten. Zunehmend wird in diesem Widerstreit klar, dass der Wahnsinn - wenn überhaupt - zumindest nicht allein beim Protagonisten zu suchen ist. Wo er schließlich tatsächlich gefunden wird, sei hier um der Spannung willen verschwiegen - mit einer ausdrücklichen Empfehlung, diesen Film anzusehen, der das Original "Psycho" auf eine sehr spezielle, tiefer gehende Art sogar noch übertrifft.

"Psycho IV" setzt zwar - oberflächlichen gesehen - mit seiner Handlung wieder beim Original ein, ohne die Fortsetzung chronologisch zu berücksichtigen. In der Entwicklung der Zuschauerperspektive aber macht er genau da weiter, wo "Psycho II" aufhört: in Rückblenden führt er uns konsequent weiter an den Täter heran und läßt den Zuschauer die Gräueltaten nun mit den Augen des Norman Bates selber sehen - mitsamt der Kindheitsentwicklung, die ihn in diese verhängnisvolle Richtung gepresst hat. "Der Muttermord ist der schlimmste aller denkbaren Morde - und am allerschlimmsten für den Sohn, der ihn begangen hat." Das namenlose Grauen kommt hier nicht aus der Angst einer im Thriller gezeigten oder angedeuteten Gegenwartssituation; stattdessen wühlt der Film in sensibleren Zuschauern die unbewältigten und unbewältigbaren Schuldgefühle aus der eigenen Kindheit und Jugend wieder auf, während sie sich mit Norman Bates identifizieren. Erst gegen Ende des Films mündet die Geschichte wieder in die Spannung eines herkömmlichen Thrillers, mit einem in mehrfacher Hinsicht überraschenden Schluss, der - wie könnte es bei "Psycho" anders sein? - dann doch wieder alles offen lässt.

Anthony Perkins spielt den gereiften, aber nach wie vor gefährdeten Norman Bates so souverän und überzeugend wie schon in den früheren Filmen. Was ihm an jugendlichem, rätselhaftem Charme verloren gegangen ist, macht er mit einer umso kraftvolleren, erwachseneren Entschlossenheit wieder wett, die nun ihrerseits in Wahnsinn überzukippen droht.

Henry Thomas und Olivia Hussey als der junge Norman Bates und seine Mutter ziehen den Zuschauer - zusammen mit Mick Garris' einfühlsamer Regie - unwiderstehlich in den Bann des Geschehens; man kann kaum anders, als sich mit dem von seiner so ambivalenten Mutter vielfach misshandelten Jungen zu identifizieren.

Die anderen Schauspieler: solide, ohne aufzufallen.

Ernsthafte Kritik hat eigentlich nur die Kulisse gegen Ende des Films verdient: die Flammen sowie diverse Effekte in dem brennenden Haus wirken übertrieben und billig. Hier hätte man sich ein Beispiel an Altmeister Hitchcock nehmen und sich etwas mehr in Zurückhaltung üben können: es sind ja Szenen, die der kranken Fantasie des Norman Bates entspringen. Anstatt sie dem Zuschauer in allen Details optisch vorzusetzen, wäre es hier überzeugender gewesen, optisch nur anzudeuten und das Fehlende von der Fantasie des Zuschauers auffüllen zu lassen.

Trotz dieser leichten Schwäche bleibt der Film einer der besten, die ich je gesehen habe, in seiner speziellen Art nahezu gleichwertig mit dem Original und mit "Psycho II".

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