Review
von Leimbacher-Mario
Eine gemeine Nummer
Dass aus „Psycho“ doch noch ein Franchise wurde, über zwanzig Jahre nach dem bahnbrechenden ersten Teil, erinnert eher an heutige Gepflogenheiten. Andererseits boomten in den 80ern Slasher einfach zu sehr um sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen. Daher hatte es „Psycho II“ natürlich jahrelang ähnlich schwer wie „Jaws II“ um aus dem übermächtigen Schatten des Originals zu kriechen. Und genauso wie der zweite, große Haiangriff ist auch „Psycho II“ für sich genommen ein klasse Film, eine echte Hausnummer. Wenn man denn nicht immer zu Hitchcock und in schwarz-weiße Zeiten gucken und vergleichen würde - denn da sieht auch ein vollkommen guter Film natürlich keinen Stich... Handlung: Norman Bates kommt nach über 20 Jahren wieder frei und übernimmt erneut sein legendäres Motel, in dem er einst schizophren als seine Mutter etliche Menschen tötete. Inklusive Marion Crane, deren Schwester nun mit seiner Entlassung alles andere als zufrieden ist und nicht meint, dass Norman sich geändert hat oder gesund ist...
Nur erscheint er als eben genau das auf uns Zuschauer am Anfang dieses Sequels. Und das ist absolut die größte Stärke dieses cleveren Verwirrspiels. Dass wir (nicht nur anfangs!) auf Normans Seite stehen oder zumindest mehr Mitleid und Verständnis empfinden als je zuvor. Auch in Teil 1 hatte man schon Anflüge davon, ist Norman doch ohne Frage krank und kein eiskalter Killer und Psychopath. Aber in Part II scheint das klarer denn je und die Umwelt macht es ihm alles andere als leicht, nicht rückfällig zu werden. Und genau hier liegt der Kernkonflikt in denen „Psycho II“ einen stellt. Der Blickwinkel verschiebt sich elegant und interessant. Eine fiese, ambivalente Charakterstudie. Und eine Kommentar in Sachen Rehabilitierung und Heilung Geisteskranker. Nimmt man dazu dann noch ein deutlich nuancierteres Spiel von Perkins, die süße Meg Tilly und einige saftige, alles andere als zimperliche Kills (die Zeiten hatten sich halt arg geändert!), dann bietet „Psycho II“ eine Menge 1A-Stoff. Klar steht „Psycho“ allein auf weiter Flur und kann sich jederzeit und immer wieder Zeit solo gegeben werden - aber ab und an bekomme ich fast genauso Lust auf diese Fortsetzung. Und ich habe es noch nie bereut! Ein stilvoller Slasher in einem unübersichtlichen, oft minderwertigen Wust zu dieser Zeit.
Fazit: vielleicht DIE unterschätzteste und verkannteste Horrorfortsetzung, die man finden kann. „Psycho II“ ist einer der intelligentesten Slasher seines Jahrzehnts, eine hervorragende, psychologisch verzwickte Fortsetzung des Charakters Norma(n) Bates und ein cleverer Spin + Zusatz zum unerreichten Hitchcock-Klassiker. Massiv besser als die beiden weiteren Fortsetzungen. Alle Ehre wert!